Mehr Kraft für KI: Start-ups könnten die Technologie entscheidend vorantreiben – in anderen Regionen sehen Experten jedoch noch bessere Bedingungen für Wachstum.

Das Thema ist in aller Munde – die Zahl ist überschaubar: 106 Start-ups, deren Geschäftsmodell eng mit Künstlicher Intelligenz verknüpft ist, zählen Experten in einer aktuellen Studie in Deutschland. Damit belegt die Bundesrepublik global gesehen den achten Rang – USA dominiert die Rangliste, China und Israel komplettieren die Top drei. Geht es um die höchste Konzentration von KI-Start-ups in Städten, schafft das oft hoch gelobte Berlin weltweit sogar nur den 15. Platz.

Gemeinsam mit dem auf KI-Start-ups spezialisierten Risikokapitalgeber Asgard hat die Unternehmensberatung Roland Berger ausführlich die Szene untersucht (hier geht es zum PDF der Studie) – und richtet mahnende Worte an europäische Gesetzgeber: Zwar sei zu erkennen, dass Europa dynamisch in diesem Bereich unterwegs sei, lässt sich Roland-Berger-CEO Charles-Edouard Bouée zititieren: „Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Initiativen national vorangetrieben werden und keine klare, von der EU-getragene Strategie für ein europaweites KI-Ökosystem verfolgt wird.“

Zu wenig Power in den Schlüsselbranchen?

Eher enttäuscht äußerten sich die Studienautoren vor allem über die Tätigkeitsfelder der Start-ups: Europäische Schlüsselbranchen wie Energie, Automobil, Immobilien und Landwirtschaft seien unterproportional bei den Start-ups wiederzufinden, sagt Asgard-Gründer Fabian Westerheide. Diese Erkenntnisse riefen die Frage auf, „ob etablierte europäische Industrien fähig sind, sich auf wichtige Technologietrends einzustellen und so ihre Führungsposition zu behaupten.“

Ausnahmen gibt es aber durchaus: Das Frankfurter Start-up Acellere verknüpfte seine Finanzierungsmeldung im Januar mit der Nachricht, dass sich unter den bisherigen Kunden „deutsche und französische Automobilfirmen und Zulieferer sowie deutsche Versicherungen und führende globale Energieversorger“ befänden. Das Karlsruher Start-up Understand AI zielt mit seiner Technologie vorrangig auf die Autobranche. Und auch bei Terraloupe in München arbeiten die Algorithmen vor allem daran, das Kartenmaterial für autonome Autos aufzubereiten.

Die Studienautoren fordern dennoch mehr Einsatz, um nicht „weiter Boden an die Konkurrenz aus den reiferen Märkten in Amerika und Asien zu verlieren“, sagt Westerheide. Dabei sehen sie vor allem die Gesetzgeber in der Pflicht. Sie nennen etwa die jüngste Ankündigung der Europäischen Kommission, die Aktivitäten der Mitgliedsländer innerhalb der EU zu koordinieren – fordern aber vor allem ein gemeinsames Vorgehen.

Eine Stimme für Europa

Es brauche einen europäischen Weg, sagt Axelle Lemaire, die das Partnernetzwerk von Roland Berger unter dem Namen Terra Numerata leitet. „Damit dieser zum Erfolg führt, braucht der Kontinent einen einheitlichen Plan, der alle verfügbaren Ressourcen zusammenführt und so ihre Wirkung verstärkt“, so Lemaire.

Dazu gehört nach Ansicht der Berater ein einheitlicher Unternehmensstatus für Start-ups, der überall die gleichen Zugangsbedingungen zu Fördermitteln ermöglicht. Zudem sei ein besserer Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft nötig – in Deutschland sind Institutionen wie das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz bereits erfolgreich in diesem Bereich unterwegs.

Und zuletzt seien höhere Investitionen in KI-Start-ups nötig. Die Konkurrenz von McKinsey hatte im vergangenen Jahr zwar bereits ein Wachstum des Finanzierungsvolumens verkündet – nötig seien jedoch mehr achtstellige Summen, analysiert der aktuelle Report.