Start-ups glorifizieren gerne Leistungsdruck und Stress. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, findet unser Autor Jan Lenarz.

„Diamonds are made under pressure“. Den Spruch sah ich neulich auf einem Aufkleber. Ich sah ihn zufällig auf einem Laptop und fragte seine Besitzerin, ob ich davon ein Foto machen könne.

„Ja, der Spruch ist toll, oder?“

Ich verschwieg, dass ich den Spruch ganz furchtbar finde.

„Wir veranstalten einen Startup-Pitch“, sagte sie dann. „Die Gründer müssen unter möglichst großem Zeitdruck ihr Publikum von ihrer Idee überzeugen.”

Möglichst großer Druck. Toll. Genau das, was Gründer brauchen.

„Als Gewinn gibt es ein Coaching. Das findet nachts statt, damit man tagsüber keine wertvolle Zeit verliert.”

Ach herrje. Der Tag hat 24 Stunden, dann kommt die Nacht, und schlafen können wir, wenn wir tot sind.

Motivation bis zum Nervenzusammenbruch

Aber schieben wir den Sarkasmus doch mal für ein paar Minuten beiseite. Wie konnte es soweit kommen? Wer hat beschlossen, dass Gründen nur nach der Hauruck-Methode funktioniert? Und dass Selbstausbeutung eine fast edle Eigenschaft in der Startphase jedes Unternehmens ist?

Zugegeben, die eigene Idee umzusetzen und nur für sich selbst zu arbeiten – das klingt toll, das motiviert. Ich kenne das selbst aus diversen Projekten und habe mich auch jahrelang bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs motiviert.

Aber seien wir ehrlich: Nachhaltig ist das nicht. Dafür sehr gefährlich.

Denn fast alle Start-ups leiden an einer grandiosen Fehleinschätzung: Auch schöne Arbeit ist Arbeit. Und nur, weil der Neustart eines Unternehmens den scheinbar magischen Dunst der Machbarkeit umgibt, ist der damit verbundene Stress nicht harmlos. Im Gegenteil.