Bitte kein Brexit: Warum die Start-up-Szene gegen ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ist, erklärt unser Kolumnist Niklas Veltkamp.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Ein Exit findet bei einem Start-up – laut Wikipedia – „typischerweise nach wenigen Jahren“ statt. Die – durchaus zu diskutierende – Definition: „Dies kann durch einen Börsengang oder durch den Verkauf an ein anderes Unternehmen erfolgen. Dadurch machen die ersten Investoren ihren Gewinn, und die Gründer werden oft über Nacht zu Multi-Millionären und können weitere Startups gründen oder finanziell unterstützen.“

Ein etwas anderer Exit steht gerade bei den Briten zur Diskussion. Der Exit der Briten aus der EU, der sogenannte Brexit. Statt nach wenigen Jahren würde dieser Exit allerdings nach 43 Jahren Zugehörigkeit zur europäischen Gemeinschaft stattfinden. Multimillionäre über Nacht wird es dabei vermutlich nicht geben – und es stellt sich die Fragen, ob überhaupt jemand als Gewinner daraus hervorgehen würde. Und die Antwort möchte ich an dieser Stelle gerne vorweg nehmen: Es wäre ein Exit ohne Gewinner. Verlieren würden nicht nur die EU und deren Mitgliedsländer, sondern vor allem auch die Briten, die Gründer in Europa und die Investoren. Verlieren würde vor allem auch die europäische Idee.

Mehr Europa, nicht weniger

Wer wissen möchte, was das ist, diese europäische Idee, der kann durch Europa reisen – ohne Kontrollen, ohne Visa, ohne unnötigen Aufwand -, der kann im europäischen Ausland relativ problemlos gründen (ja, die Bürokratie muss noch deutlich reduziert werden) oder er schaut sich einfach die Berliner Start-up-Szene an: Entwickler aus Polen, Spanien und Portugal, Gründer aus Estland, Finnland und Italien, Investoren aus Großbritannien und Frankreich. Gründer, Entwickler und Mitarbeiter aus EU-Mitgliedsländern können über Nacht nach Berlin kommen – und stellen somit einen echten Gewinn für die Start-up-Szene dar. Sicher, auch Spezialisten aus der Ukraine, aus Indien und Ägypten kommen (nicht nur) nach Berlin. Wer aber den Aufwand mit Visum, Arbeitsgenehmigung und Behördengängen vergleicht, der wird die EU schnell zu schätzen wissen!

Forderung nach einem europäischen Binnenmarkt

Im eigenen Office funktioniert das mit dem europäischen Gedanken also schon ziemlich gut – anders sieht es leider außerhalb dessen noch zu oft aus. Wer mit Gründern über die Europäische Union spricht, der erfährt viel über die realen Probleme: Die Schwierigkeiten, die sich aufgrund verschiedener Sprachen, Regeln und natürlich Gesetze ergeben. Die Forderung nach einem wirklichen einheitlichen digitalen Binnenmarkt ist in der Szene deshalb laut, kein Panel mit dem zuständigen EU-Kommissar Günther Oettinger, in dem das Thema – Digital Single Market – nicht angesprochen würde. Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger! Doch statt den Austausch zu verstärken und Grenzen abzubauen, droht nun genau das Gegenteil. Denn als wäre der europäische Markt nicht immer noch zersplittert genug, droht die EU nun einen für Start-ups so wichtigen Staat zu verlieren: In wenigen Stunden stimmen über 64 Millionen Briten über den Verbleib ihres Heimatlandes in der Europäischen Union ab – und die Entscheidung gilt als völlig offen.