Die Start-up-Szene erfindet neue, umweltfreundliche Pfandsysteme für den ´Coffee to go´ und feiert gleichzeitig Unternehmen, die Essen, in Plastik verpackt, per Post liefern. Absurd, sagt Meike Haagmans.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Es muss nicht immer die ältere Generation sein, die sich über die Gewohnheiten der jüngeren wundert. Manchmal ist es auch die eigene Generation, die angesichts dessen, was sie sieht nur noch den Kopf schütteln kann. Ich bin Ende 1980 geboren und zähle damit zur Generation Y, wie das englische Fragewort „why“ ausgesprochen. Laut Wikipedia kein Zufall, denn wir haben angeblich eine ausgeprägte Neigung zum Hinterfragen. Ja, dem kann ich zustimmen. Zumindest aus Sicht einer Arbeitgeberin und Gründerin.

Aber immer wieder erlebe ich auch Situationen, in denen ich mich fragen muss, ob unser Verstand vor lauter Hinterfragen nicht irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Nicht selten habe ich dieses Gefühl, wenn es um den Konsum von Start-up Produkten geht.

Wir sind die Generation der Bartträger, der Latte-Art Fanatiker, der Veganer, der Podcasthörer, der Selbstoptimierer, der Digitalabhängigen, der Gründer und der Freiheitsliebenden. Aber vor allem sind wir die Generation der Inkonsequenten: Wir sind entsetzt über den hohen Pappbecher-Verbrauch und die Unmengen an Platsikmüll in Deutschland und erfinden darum neue, umweltfreundliche Coffee-To-Go Pfandsysteme.

Warum tickt ihr so merkwürdig?

Wir loben die Entstehung von Unverpackt-Läden und feiern jede Neueröffnung mit viel Enthusiasmus – und vergessen dabei, dass es früher vollkommen normal war mit einer Milchkanne zum Bauern um die Ecke zu laufen und wirklich ‘original unverpackte’ Milch abzuholen. Gleichzeitig bestellen wir online unsere Mahlzeiten, die, fein portioniert, und jede einzelne Zucchini und Zwiebel gut verpackt, durch die gesamte Bundesrepublik verschickt werden, bei einem Berliner Start–up und finden uns wahnsinnig hipp.

Im Sommer sorgten wir uns über den Hitzerekord, den drohenden Klimawandel und diskutieren über die Folgen der Abholzung des Hambacher Forstes. Den Winter aber nutzen wir, um mal eben für einen zwölfstündigen Flug,  um ein Clean-Eating Retreat auf Bali zu genießen. Generell ist Achtsamkeit angesagt – aber bitte nur, wenn es um die eigene geht. Oder wir erkläre ich es mir, dass die Generation, die gerade selbst Nachwuchs bekommt, es stillschweigend akzeptiert, dass trotz Milliardengewinn bei den Krankenkassen die Zahlungen für Hebammenleistungen bis zum Aussterben des Berufes gekürzt werden?

Apropos Arbeitswelt: wir wundern uns, dass uns nur noch befristete Arbeitsverträge angeboten werden. Aber dabei sind es doch wir selbst, die die Unverbindlichkeit so lieben: Zwischenmenschliche Beziehungen entscheiden wir inzwischen mit einem Wisch nach rechts oder links auf dem Smartphone. Fordert aber ein Arbeitgeber Unverbindlichkeit und Ersetzbarkeit, ist es Ausbeutung.

Liebe Generation Y, erlaubt mir eine Frage: Warum tickt ihr so merkwürdig?