Wer schon einmal mit einem vergleichsweise trivialen Problem wie einer Mieterhöhung, einem verpatzten Urlaub oder einer schlampigen Handwerkerleistung beim Anwalt war, der weiß allerdings auch: Gerade das erste Beratungsgespräch klopft die Hintergründe ab, um eine erste Einschätzung zu liefern, ob eine juristische Auseinandersetzung erfolgsvorsprechend scheint. Eine technologische Lösung, die Künstliche Intelligenz einsetzt und damit Zugriff auf ein viel breiteres anwaltliches Wissen hat als jeder einzelne Anwalt, wird in nicht allzu ferner Zukunft gerade diesen Job hervorragend erledigen können. Ähnlich verhält es sich etwa mit einem Freiberufler oder einem Unternehmer, der zum Beispiel einen Standardvertrag benötigt.

Deshalb müssen wir das Recht an das digitale Zeitalter anpassen. Denn die Schutzidee, die hinter diesen Einschränkungen steht, war zu ihrer Zeit ja nicht falsch: Nicht Hinz und Kunz sollte es erlaubt sein Menschen in Rechtsfragen zu beraten, sondern nur wirklichen Fachleuten. Und – natürlich – wer zu einer Rechtsberatung geht, der soll sicher sein, dass er nicht auf einen Scharlatan trifft. So wie man das bei einem Arzt oder Apotheker auch erwartet. Gleichzeitig darf ein solches Gesetz die Entwicklung und Nutzung von Technologie nicht verhindern, vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, dass sich niemand diese Technologie bei der Verabschiedung des Gesetzes auch nur ansatzweise vorstellen konnte.

Andere Länder sind schon weiter

Und, ob man das nun gut findet oder nicht, diese Technologie – ob Künstliche Intelligenz, Big Data oder Blockchain – ist hier. Und sie wird sich nicht einfach verbieten lassen. Wir stehen also wieder einmal vor der Frage, ob wir Innovationsmöglichkeiten eröffnen, Gründer ermutigen und Legaltech-Start-ups fördern wollen, die diese Technologien nutzen, um bessere und effizientere Dienstleistungen zu erbringen. Oder ob wir sie vom Markt klagen lassen wollen, um Besitzstände einiger weniger zu wahren, während in anderen Ländern die Entwicklung ungebremst weitergeht, und wir in wenigen Jahren gezwungen sein werden, die Veränderungen doch zuzulassen – aber dann mit Technologien, die nicht hierzulande entwickelt wurden und auf deren Standards wir deshalb keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss haben.

Neue Geschäftsmodelle dank der Digitalisierung

Ja, es ist verständlich, dass viele Anwälte und ihre Standesorganisationen Legaltech erst einmal als Bedrohung wahrnehmen. Auch in der deutschen Automobilindustrie hätte man sich ein weiter so ohne Elektroantrieb und autonome Fahrsysteme sicherlich ganz gut vorstellen können. Nur so wie jedes Unternehmen die Digitalisierung nicht aufhalten kann, sondern sich die Digitalisierung zunutze machen sollte, so sollten auch Anwälte LegalTech nicht verhindern, sondern vorantreiben. Wenn Anwälte das Thema selbst angehen, wenn sie selbst LegalTech in ihrer Arbeit einsetzen, wenn sie Start-ups gründen, wenn sie ihr Know-How dort einbringen, dann werden sie sich völlig neue digitale Geschäftsmodelle erschließen.