Als ihre Mutter ihr Handysucht vorwirft, wird Meike Haagmans erst wütend, dann nachdenklich – und fasst einen Vorsatz fürs neue Jahr: Weniger Abhängigkeit vom kleinen Ding in ihrer Tasche. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

„Du bist nur noch Business. Ohne dein Handy in der Hand kann man sich nicht mehr mit dir unterhalten“. Ich verdrehe die Augen. Meine Mutter hat doch keine Ahnung. Keine Vorstellung, wie  es ist, eine Firma zu führen und für alles und jeden verantwortlich zu sein. Ich bin genervt von der ständigen Diskussion über meinen Lebensstil, welcher schlussendlich zu dem schlimmsten Streit in unserer Mutter-Tochter Beziehung geführt hat. Wieso kann sie mich nicht einfach akzeptieren, wie ich bin? Obwohl ich ihre Kritik mehr als überzogen finde, beginne ich mir Gedanken zu machen. Würde sie auch so auf meinen Lebenstil reagieren, wenn ich ihr Sohn wäre? Was bewegt sie überhaupt dazu, sich so in mein Leben einzumischen? Sind das ernsthafte Sorgen von ihr? Und wenn ja, wieso sieht sie das „Business sein“ als gefährlich an? Ist am Ende vielleicht doch irgendetwas an ihrer Kritik gerechtfertigt?

Eine Zufallsentdeckung im Buchladen

Bei meiner Handysucht muss ich ihr durchaus zustimmen. Ich merke immer mehr, wie abhängig ich von diesem kleinem Gerät in meiner Tasche bin. Ich will das ändern und möchte wieder mehr Zeit für mich haben, vollkommen unabhängig von der Technik. Da ist er: mein Vorsatz fürs neue Jahr. Ich beginne die Umsetzung mit einem Besuch meiner Lieblingsbuchhandlung. Ich möchte wieder, wie früher, durch die Regale schlendern und in Büchern blättern. Ich werde mich für das Interessanteste entscheiden, dieses mitnehmen und im Cafe um die Ecke die ersten Seiten lesen.

Ich beginne ganz oben bei den Nischenbüchern. Zwischen den Regalen ‚Wirtschaft‘ und ‚Philosophie‘ bleibt mein Blick bei einem einzigen Buch hängen, dessen Titel sofort meine Interesse weckt: „Digitale Erschöpfung“.  Ich nehme die gebundene Ausgabe in die Hand und beginne die Rückseite zu überfliegen. Es wird von einer „Diagnose“ gesprochen und dass das Buch ein „smarter Wegweiser in Zeiten von Arbeitsverdichtung und Dauerstress“ sei. Nein, das brauche ich nicht, so schlimm ist es bei mir doch noch nicht. Ich stelle es wieder zurück ins Regal und schlendere weiter. Ich versuche es zumindest. Doch der Titel geht mir nicht aus dem Kopf. Ich beginne um das Regal herum zu schleichen, nehme es wieder heraus und fange an drin zu blättern. Neben mich gesellt sich ein anderer Besucher der Buchhandlung und ich traue mich nicht mehr das letzte Exemplar zurückzustellen – aus Angst, dass er sich dafür interessieren könnte.

„Digitale Erschöpfung – Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen“. Mein Buch. Mein Thema.

Wie die Digitalisierung unseren Arbeitsalltag verändert

Meine vollkommene Aufmerksamkeit schafft der Autor Markus Albers bereits auf den ersten fünf Seiten zu gewinnen. Dabei erwartet den Leser kein spektakulärer Aufhänger, sondern die simple Beschreibung des ganz normalen Alltages des Autors. Es sind die Blicke der fünfjährigen Tochter, wenn er mehr auf dem Spielplatz dem Smartphone mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihr. Oder die Szene, wie Albers sich zum lesen seiner E-Mails auf der Toilette einsperrt, um einer Diskussion mit seiner Partnerin zu entgehen. Er beschreibt den „Schmerz“ in seinem Alltag, denn „das Smartphone gewann jedes Mal“.

Aber Albers will mehr als nur seine Situation zu beschreiben – er versucht zu verstehen, warum und inwiefern die Digitalisierung unseren Arbeitsalltag verändert. Er spricht mit Sucht- und Digitalisierungsexperten und wendet seine Erkenntnisse auf mögliche Lösungsansätze an. Er hinterfragt den NewWork Trend und seine vermeintliche Freiheit. Verdeutlicht werden seine Theorien immer wieder mit Alltagssituationen, die der Leser nur zu gut kennt. Spannend ist seine Frage: „Warum sind wir alle immer so beschäftigt?“ und eine Studie, die er vorstellt, bei der Probanden sich lieber leichten Stromschlägen aussetzen, als nichts zu tun.

Erschreckende Entwicklungen

Sehr bildlich schafft es Albers also uns seine Abhängigkeit vor Augen zu führen und beschreibt seine persönlichen Konsequenzen dieses Verhaltens. Dem Leser bleibt es somit absolut frei, sich mit der Problematik zu identifizieren oder nicht.

Ich, für meinen Fall, tue es und finde, neben einer Menge Anregungen, auch viele Passagen zum Nachdenken. Nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich. Erschreckend empfinde ich zum Beispiel, dass „das Digitale“ uns „manche eigentlich selbstverständlichen Kulturtechniken verlernen“ lässt. Gemeint ist damit die immer stärker wachsende Unverbindlichkeit und ihre Konsequenzen.

Für mich hat Albers mit seinem Buch zu 100 Prozent den Geist der Zeit getroffen. Die „Digitale Erschöpfung“ zeigt auf, erklärt, hinterfragt, kritisiert und bietet Lösungsansätze für unser digitale Herausforderung in der Zukunft. Ein Must-Read für alle, die sich im neuen Jahr nicht mehr zum E-Mails lesen auf der Toilette einschliessen möchten.