Innovationen lassen sich nicht aufhalten, doch manche fürchten sie. Niklas Veltkamp fordert darum eine bessere Informationspolitik.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Schräg gegenüber meiner Wohnung ist eine Videothek, zwei Häuser weiter ein Reisebüro. Kunden nutzen das Reisebüro unter anderem um Flüge zu buchen. In der Videothek bilden sich lange Schlangen, um fürs Wochenende noch ein paar Filme auszuleihen.

Klingt in Zeiten, in denen man Flüge ganz selbstverständlich per App oder im Netz auf dem Smartphone bucht, und Filme online streamt, nach Vergangenheit? Ist es auch. Die beschriebene Situation ist mittlerweile fast zehn Jahre her. Zur selben Zeit konnte man sich in der Stadt entweder mit Bus, Tram oder U-Bahn von A nach B  bewegen – oder in dringenden Fällen ein Taxi rufen. Heute hat sich die Auswahl dank verschiedener Car-Sharing- und Ride-Sharing-Diensten, Leihfahrrädern oder Elektrorollen, die allesamt per Smartphone gebucht werden, deutlich erweitert.

Sehnsucht nach den alten Zeiten?

An vielen Stellen ist unser Leben in den vergangenen Jahren sehr viel einfacher und sehr viel bequemer geworden – einen großen Anteil daran haben Start-ups aus der Technologiebranche, die vor wenigen Jahren noch undenkbare Angebote entwickelt und auf den Markt gebracht haben. Einige sind im Laufe der Zeit vom Markt verschwunden oder aufgekauft worden, andere sind schnell gewachsen und erfüllen heute aufgrund der Größe oder des Alters sicherlich die Start-up-Kriterien nicht mehr. Aber wie so oft gibt es neben vielen Gewinnern dieser Veränderung auch Verlierer. Nicht wenige Reisebüros dürften den Zeiten, in denen Tickets über ihre Tresen gingen, durchaus etwas abgewinnen können. Dasselbe gilt für die quasi-monopolistischen Taxi-Zentralen oder auch Hoteliers denen Plattformen für Privat-Vermietungen ein Dorn im Auge sind. Oder ganz aktuell für manchen Bankenverband, dem sich bei der neuen sogenannten PSD2-Richtlinie die Nackenhaare sträuben. Denn diese europaweite Regelung beinhaltet unter anderem, dass etablierte Banken Fintech-Start-ups und Technologieunternehmen Zugriff auf Kontodaten und Kontobewegungen geben müssen  – natürlich nur, wenn der Kunde das wünscht. Die Fintech-Start-ups und Technologieunternehmen bieten den Bankkunden durch die intelligente Auswertung dieser Daten maßgeschneiderte Services an.

Ängste vor der Digitalisierung werden geschürt

Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Bankkunde kommt nicht nur in den Genuss von hilfreichen Dienstleistungen, sondern erhält plötzlich die Souveränität über seine eigene Kontodaten, über die bislang alleine die Bank in einer Art Monopol verfügen durfte. Und Start-ups können ihm Zusatzdienste anbieten, ohne dass er sein Konto wechseln muss. So können mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zum Beispiel die Kontobewegungen ausgewertet und Spar-Vorschläge unterbreitet werden oder der Kunde kann aus einer Oberfläche heraus mehrere Konten überblicken und managen. Wie gesagt: Nur wenn er das möchte. Mancher Banker sieht da weniger die Vorteile für die Kunden, sondern den Nachteil einer möglichen Konkurrenz durch ein Start-up – und womöglich fragt sich der Kunde ja auch, warum solche Angebote nicht von seiner eigenen Bank kommen.

Wie viel zu oft lautet da für einige die Lösung nicht selbst besser zu werden – sondern stattdessen Ängste zu schüren. Mit Aussagen wie „Bald kennen alle im Internet ihre Kontodaten“ wird versucht den Bürger Bange zu machen. Das ist natürlich Unsinn, aber es wirkt ähnlich gut wie die Warnung vor Arbeitsplatzverlusten durch die Digitalisierung oder das Horrorszenario, dass mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz morgen Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Selbst wer es nicht so ganz glaubt, ein mulmiges Gefühl bleibt halt doch irgendwie übrig.

Innovationen lassen sich nicht aufhalten, aber man kann den innovativen Menschen das Leben schwer machen. Die Folge ist dann, wie wir schon häufig gesehen haben, dass eine gute Idee zwar vielleicht hierzulande ausgeheckt wird, die Umsetzung schlussendlich aber anderswo stattfinden muss. Weil hier die Angstmacher und Besitzstandswahrer immer noch zu oft zu großen Einfluss haben.

Forderung nach mehr Informationen

Wie lässt sich das ändern? Wir brauchen ein Programm „Digital für alle!“. Wenn die Menschen wissen, was Digitalisierung bedeutet, wenn sie die Möglichkeiten und Herausforderungen selbst bewerten können, dann haben diejenigen, die mit Parolen Furcht erzeugen wollen, keine Chance mehr.

Die Herausforderung ist riesig: Es geht darum, fast 20 Millionen Deutsche aus dem digitalen Abseits zu holen, diejenigen, die gegenüber digitalen Technologien aus verschiedenen Gründen bisher nicht so aufgeschlossen sind, oder die mit ihnen nicht so gut zurechtkommen  – darunter Arme, Alte und Ängstliche. Es muss unser Ziel, es muss das Ziel der nächsten Bundesregierung sein, alle Menschen auf dem Weg in die digitale Welt mitzunehmen. Der Digitalverband Bitkom hat ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgelegt, das unter anderem die Digitalisierung von Schulen und Verwaltung, die Anpassung der Sozial- und Rechtssysteme an die Erfordernisse der Digitalisierung, den Ausbau schneller und intelligenter Infrastrukturen und die Förderung digitaler Schlüsseltechnologien vorsieht.

Schicksalsfrage für Deutschland

Der Aufbruch in eine datengetriebene digitale Plattformökonomie ist eine Schicksalsfrage für Deutschland, die sich innerhalb weniger Jahre entscheidet. Wir müssen eine konsistente Datenpolitik entwickeln, die den Schutz der Privatsphäre und die Möglichkeit der Datennutzung in eine funktionierende Balance bringt – und wir müssen dafür sorgen, dass nicht mehr „German Angst“, sondern „Digital first“ zum Grundsatz unseres Handelns wird. Für die Wirtschaft ebenso wie für die Politik.