Alles muss skalierbar sein – das Produkt, die Marke, der Vertrieb und nicht zuletzt der Firmenname. Stoppt diesen Wahn, sagt Meike Haagmans. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Ich hatte nie geplant Unternehmerin zu werden. Ganz im Gegenteil: Nach dem Freitod unseres damaligen Inhabers im Büro, musste ich bereits in jungen Jahren erkennen, welche Auswirkungen wirtschaftlicher Druck haben kann. Entrepreneurship war darum für mich im Studium nie mehr als ein Pflichtfach. Bis zur Verteidigung meiner Masterarbeit.

„Wenn du es nicht machst, macht es sicherlich bald jemand anderes“. Meinem Professor gefiel die Idee meiner Thesis, öffentliche Fernbusse in Südamerika in deutsche Rundreisepakete einzubauen. Er beendete mit diesem Satz also nicht nur mein Studium, sondern öffnete mir auch die Tür zum Unternehmertum: Absolut unvorbereitet, aber mit der Überzeug meine Geschäftsidee nicht einem der großen Reiseveranstalter zu überlassen, gründete ich JOVENTOUR.

Ingvar Kamprad und Carl Benz würden sich im Grabe umdrehen

Ich lernte schnell viel. Zum Beispiel das Wort „Skalierung“ in meinem Wortschatz aufzunehmen. Alles musste skalierbar sein – das Produkt, die Marke, der Vertrieb und nicht zuletzt der Firmenname. Noch vor der Erwirtschaftung des ersten Umsatzes sollten Gründer schon an die Internationalisierung denken und bloß keinen Namen nehmen, der nicht weltweit einsetzbar ist und vor allem keinen, der zu persönlich ist, denn personengebundene Geschäftsmodelle – so heißt es – sind nicht skalierbar. Ingvar Kamprad und Carl Benz würden sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn sie das hören könnten.

Obwohl also kaum jemand mehr seinem Business seinen eigenen Namen verleiht, muss der heutige Gründer sich selbst um so mehr in den Mittelpunkt stellen. Wer sich nicht auf Bühnen oder in TV-Shows traut und lieber in Garagen tüftelt, hat kaum Chancen auf Aufmerksamkeit. Die Start-up Szene wird zur Show und die Gründermetropolen bieten die perfekte Bühnen. Und während große Unternehmer, wie die Aldi Brüder, Hinrich Bischoff von Germania oder die C&A Gründerfamilie, als extrem medienscheu galten und immer noch gelten, hält die junge Start-up Community ihr Gesicht in jede Kamera. Und Hauptsache der Firmenname endet mit dem Buchstaben O. Paradox.

„Eine Marke, die nicht skalierbar ist, ist limitiert“

„Eine Marke, die nicht skalierbar ist, ist limitiert.“ Ich diskutiere mit meinem Unternehmerfreund Daniel Phillip über sein neues Projekt, denn auch er kommt bei dem Zusammenspiel zwischen Persönlichkeit und Skalierung an seine unternehmerischen Grenzen und sucht nach Lösungen. Daniel ist der einzige in meinem gesamten Netzwerk, der seiner Marke seinen eigenen Namen gegeben hat. Ursprünglich begann er als Personaltrainer, inzwischen ist er  Inhaber einer Unternehmensgruppe im Gesundheitsbereich mit zwölf Mitarbeitern. Und doch will Daniel eine Veränderung: „Durch die Personalisierung der Marke ist und bleibt es ein People Business, obwohl ich schon lange einen Geschäftspartner habe. Ich muss mich persönlich mehr raus ziehen, damit wir die Chance haben skalieren zu können und um eventuell auch mit Investoren ins Gespräch zu kommen.“

Abhilfe soll nun Sitboard bringen, eine mobile Fußstütze, die einen normalen Bürostuhl, in einen Ergonomischen verwandelt. Das Know How aus der Dienstleistung wird also auf physische Produkte angewendet, die dann – endlich!! – skalierbar werden.

Hört auf mit dem Wahn

Vergessen sollte man dabei jedoch eines nicht: Die Erkenntnis, dass eine Nische vorhanden ist, kam Daniel während er sein weniger skalierbares Geschäftsmodell betrieb. Nur der Einsatz in der Sparte Firmenfitness brachte ihn und sein Team überhaupt auf die Idee die ´Schreibtisch-Situation´ an deutschen Arbeitsplätzen revolutionieren zu können.

Wir sollten vor lauter Skalierungswahn also nicht vergessen, dass den Start-ups oftmals ein personenbezogenes Geschäftsmodell oder gar ein Handwerk zu Grunde liegt. Hätte nämlich der Konditor Joseph Hipp nie die Idee gehabt, Zwieback mit Milch zu mischen, wäre vermutlich für einige von uns der Start ins Leben erheblich schwerer gewesen.