Das Start-up unserer Kolumnistin wächst – und mit ihm die Verantwortung. Und Meike Haagmans muss erkennen: Die Theorie ist schön. Die Praxis ist anders.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Ich stehe auf einem Bauernhof. Mich begleitet eine Person. Aber ich erinnere mich nicht, wer sie ist. Überall Tiere. Kleine und Große. Nur drei dürfen wir mitnehmen. Dem Rest müssen wir die Kehle durchschneiden. Meine Begleitung gibt mir das Messer. Ich nehme ein Lamm auf den Arm, setze an und…

Und wache auf. Die Beißschiene hat mal wieder ganze Arbeit geleistet. Sie ist durch. Ich suche im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Es ist 4:15 Uhr. Mitten in der Nacht und doch bin ich nassgeschwitzt wie nach einem Marathon. Ich nehme die Schiene raus und lege mich langsam wieder zurück ins Bett. Ich will nicht wieder einschlafen, ich will das nicht weiter träumen. Ich nehme mein Handy in die Hand und fange an durchs Netz zu surfen. Ablenkung.

Das LED-Licht macht mich so wach, dass ich beginne über das Geträumte nachzudenken. In der Firma sind wir mitten im Einstellungsprozeß. Sichtungen von Bewerbungen, Auswahl, Gespräche. Es läuft gut – ich will, dass JOVENTOUR wächst. Ich spreche mit ausgebildeten Touristikern, Quereinsteigern, Werkstudenten und Azubis. Und jeder hat seine Geschichte. Ich finde einige Bewerber gut, andere besser. Aber ich muss mich entscheiden.

Ich kenne die Verantwortung der Personalführung nur aus Büchern

Ich habe nie gelernt, Personal einzustellen. Ich kenne die Verantwortung der Personalführung nur aus Büchern. Und langsam fange ich an zu realisieren, welche Herausforderungen das Unternehmertum mit sich bringt. Nicht nur bei Mitarbeiterfragen. Ich merke, wie schwer es ist, Wachstum zu bewältigen. Am Anfang war da nur eine Geschäftsidee und der Wille, diese irgendwie ans Laufen zu bringen. Und jetzt wo das Produkt lebt, verlangt es täglich nach Luft zum Atmen. Luft, die es mir nimmt.

Ich lese viel über Unternehmertum. Empowerment, die Lean Startup Methode, das skalierbare Geschäftsmodell…die Liste ist lang. Die Theorie ist schön. Die Praxis ist anders. Ich fühle mich verantwortlich. Für alles.

Für die schwangere Mitarbeiterin, die sich über die rauchenden Jungs vom Hausmeister beschwert. Für die Buchhaltung, die den Workload nicht bewältigt bekommt und fünfstellige Verbindlichkeiten übersieht und für die Rentenversicherung, die im Nachgang von einer Betriebsprüfung doch nochmal alle Kontenblätter aus den ersten drei Jahren benötigt. Gut, ich kümmere mich drum.

Selbsthilfegruppe für Jungunternehmer

Aber wer kümmert sich um mich? Ich hole mir Unterstützung in einer Art Selbsthilfegruppe für Jungunternehmer. Wir sind alle auf dem gleichen Niveau. Alle generieren mindestens eine Viertel Million Umsatz. Ich bin nicht die Einzige mit den Problemen. Das tut gut. Alle ringen nach Luft.

Ich frage mich: Warum arbeiten so viele Gründer am Limit, sind dementsprechend gestresst oder überstrapazieren sich? Ist es das Streben nach Aufmerksamkeit und Anerkennung? Oder ist es der Beweis, dass das Geschaffene funktionieren wird?  Ist es das Unerfahrene, was uns glauben lässt, dass wir mit viel Energie auch viele Ergebnisse bekommen?

Nur die wenigsten in der neuen Gründergeneration haben doch schon Erfahrungen gemacht, wie man damit umgeht. Wir springen alle ins Wasser, ohne zu wissen wie kalt es ist. Und niemand sagt es uns vorher. Aber irgendwie scheinen wir, und unsere Gründerkultur, das doch auch so zu wollen.