Erfahrene Gründer in Form eines Beirats mit an Bord zu haben ist ein Gewinn für jedes Start-up, findet Meike Haagmans – sogar dann, wenn sie manchmal unangenehme Fragen stellen.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Und das begeistert ihn so?! Etwas unglaubwürdig lausche ich den Panel-Teilnehmern. Ich bin mit meinem Accelorator Jahrgang nach München geflogen, um einen unserer obligatorischen Learnings Days zu absolvieren. Viel Skalierungs-Theorie in wenigen Stunden und den Abschluss bildet eine Diskussionsrunde aus erfahrenen Gründern, die uns den letzten Motivationskick geben sollen. Normalerweise ist bei diesem Programmpunkt meine Konzentrationsfähigkeit bereits ausgereizt, aber dieses Mal ist es anders.

Der Grund ist Sven Rittau, Mitgründer der zooplus AG, einer Firma die inzwischen eine Milliarden-Bewertung erreicht hat. Ein richtiges Einhorn. Der Münchener erzählt, welche Höhen und Tiefen er miterlebt hat und wie es dann schlussendlich zum Exit kam. Gedanklich stelle ich mir vor, wie so ein erfolgreicher Firmenverkauf bei mir ablaufen würde: eine Zukunft in der Südsee unter Palmen in der Hängematte spielt dabei eine entscheidende Rolle in meinem Tagtraum.

Kann es eine Leidenschaft sein Start-ups beim Wachstum zu unterstützen?

Aber Sven spricht nicht vom kristallblauen Wasser und den weissen Stränden, sondern von einer anderen Leidenschaft: seinem Wirken in Start-up Beiräten. Ich muss zwei Mal hinhören, denn ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Euphorisch berichtet Sven, wie sehr er es mag, jungen Start-ups beim Wachstum unter die Arme zu greifen.

Eine Tatsache, die für mich in dem Moment schwer nachzuvollziehen ist: da schlägt man sich jahrelang mit allem herum was das Unternehmertum zu bieten hat und jetzt erfüllt es einen Einhorngründer, sich wieder mit den erlebten Problematiken auseinanderzusetzten? Das ist ja fast so, als ob man sich nochmal fürs Windelnwechseln entscheidet, sobald der Nachwuchs das Haus verlassen hat. In der Tat klingt das paradox – aber meine Aufmerksamkeit hat er.

Auch einige Tage später lässt mich Svens Enthusiasmus über seine Beiratstätigkeit nicht los. Vor allem die Tatsache, dass er dabei oftmals nur eine beratende Funktion einnimmt, beschäftigt mich sehr, denn Beratung ist eigentlich das, was mir als alleinige Gesellschafterin und Gründerin fehlt.

Schnell hatte ich einige Kandidaten im Auge

Ich fange an, mich mit dem Thema Advisory Boards auseinander zu setzen und spreche mit anderen Gründern, die auch Beiräte im Unternehmen einbezogen haben. Das Feedback ist durchweg positiv: der Support von erfahrenen Gründern ist  unbezahlbar und die Hilfsbereitschaft gross. Und so kam es, dass ich auf meine To-Do Liste schrieb: „Beirat zusammenstellen“.

Die größten Baustellen meiner Firma Joventour sind aktuell Marketing und IT, daher sollten auf jeden Fall Experten aus diesen Bereichen mit in die Aufstellung. Aber auch die Touristik ist mir wichtig, denn oftmals gelten nur Vermittler-Plattformen als innovativ und selten Firmen, die das touristische Kernprodukt verändern. In Gedanken nahm mein Beirat Formen an: ein Marketingprofi, ein Techie und ein Touristiker, am liebsten eine Kombination aus Gründern und Führungskräften.

Lange musste ich nicht nachdenken, bis sich das gedankliche Konstrukt mit Gesichtern füllte. Alle meine Wunschkandidaten kannte ich persönlich, ihre Karrieresprünge haben mich schon immer beeindruckt und alle drei nehmen eine Vorbildrolle für mich ein.

Wer nicht fragt, der nicht gewinnt

Und so begann ich die drei potenziellen Mitglieder zu kontaktieren und war mir dabei sicher drei Absagen einzukassieren. Aber es sollte anders kommen: statt einer Zurückweisung erreichten mich Antworten wie „Deine Idee klingt grundsätzlich sehr gut und zweimal im Jahr ist zeitlich für mich auch machbar“ und „Eigentlich habe ich natürlich keine Zeit und wollte absagen, aber ich mache das trotzdem gerne, denn ich finde Ihre Firma spannend und ich mag Südamerika.“

Das ging runter wie Öl. Und doch traten im selben Moment erste Zweifel auf: Hat meine Firma wirklich so viel Potenzial, dass ich es mir erlauben kann die Zeit dieser Experten zu beanspruchen? Habe ich vielleicht übertrieben bei der Zusammenstellung? Mein Kopf fängt an zu arbeiten: Immer diese Daseins-Berechtigungs-Zweifel. Ich muss lernen diese auszuschalten.

Alle drei Beiratsmitglieder haben erfolgreiche Firmen gegründet, mit groß gemacht oder leiten diese – sie werden ja wohl noch selber entscheiden können, wem sie ihre Zeit und ihr Know-How zur Verfügung stellen und wem nicht! Ich versuchte mich bis zur ersten Sitzung zu beruhigen. Es gelang mir mittelmäßig und ich war ich fest davon überzeugt, dass mindestens ein Mitglied noch abspringen würde. Fehleinschätzung! Und so kam es vergangene Woche zur ersten Beiratssitzung.

Raus aus der Komfortzone

Natürlich wurden unangenehmen Fragen gestellt und in meiner vorgelegten Auswertung fehlten kohärente Zahlen in den einzelnen Produktgruppen. Auch lässt der Sales Funnel zu wünschen übrig. Und der Umsatz könnte selbstverständlich auch höher sein. Meine To-Do Liste für das nächste Beiratstreffen ist nicht gerade kurz. Aber es tat unheimlich gut, dass jemand diese Fragen stellte. Insgesamt hat das Meeting nur knapp über drei Stunden gedauert, aber ich fühlte mich, wie nach einem Marathonlauf. Alle drei Mitglieder haben es geschafft, mich in kürzester Zeit aus meinem Tunnelblick rauszuholen und mich zum Nachdenken zu bewegen. Und ich glaube, auch dem Beirat hat es Spaß gemacht, zumindest haben sie es bei der Verabschiedung gesagt. Und die Zweifel sollte ich vielleicht auch direkt mit zur Tür herausschicken.