Früher zählte für einen Einzelhändler vor allem die Lage seines Geschäfts, sagt Internetprophet Jeff Jarvis in seinem neuen Buch, aus dem die WirtschaftsWoche in ihrer aktuellen Ausgabe exklusiv einen Auszug bringt. Heutzutage erreichen viele Unternehmen ihre Kunden übers Netz; sie verkaufen ihre Produkte über Ebay und Amazon und ihre Dienstleistungen über Portale wie Myhammer oder Etengo. Das macht es jedem leichter, zu finden und zu kaufen, was er braucht: Früher musste man ins Reisebüro gehen, um seinen Urlaub zu buchen, heute reicht der Klick durch ein paar Internetseiten. Früher kaufte man Bücher und Klamotten in der Fußgängerzone gekauft, heute werden sie an die Tür geliefert. Letzte Weihnachten habe ich quasi alle Geschenke übers Netz gekauft; die weiteste Anreise hatte eine lebensgroße Obama-Figur, die ich in Massachusetts gekauft habe (das Paket war schneller da als ich gebraucht hätte, um in Deutschland ein Exemplar aufzutreiben). Und wenn es Probleme gibt, schreibe ich eine Mail oder rufe bei irgendjemandem an, der irgendwo in der Welt sitzt und nur dafür da ist, Probleme wie dieses zu lösen.

Kurz: Die räumliche Nähe zum Kunden wird für viele Anbieter immer unwichtiger, wenn er in der digitalen Welt ohnehin nur einen Mausklick weit entfernt ist. Das gleiche gilt für Netzwerke: Die lassen sich immer besser übers Netz pflegen – per E-Mail, Skype oder Xing.

Trotzdem gibt es die Startups und Unternehmen irgendwo, sie haben Büros und Labore, sie lassen sich irgendwo ins Handelsregister eintragen, zahlen irgendeiner Gemeinde Gewerbesteuer und schaffen dort auch ein paar Arbeitsplätze. Nicht mehr unbedingt in der Nähe der Kunden, sondern dort, wo Behörden kooperativ und Mieten niedrig sind, wo gutes Personal zu finden ist oder zumindest gerne hinzieht. So wie bei Suncoal, die in ihrem aktuellen Wiwo-Gründertagebuch über ihre Standortentscheidungen schreiben.

Wenn also auch kleinere Städte (oder Gemeinden an den Rändern der Metropolen) jetzt bessere Chancen haben, Unternehmen und Gründer anzulocken, warum gelingt es ihnen dann so selten? Insbesondere dann, wenn wieder mehr Menschen die Absicht haben, sich selbstständig zu machen?

Die Gründer etwa, die bei deutsche-startups.de im vergangenen Jahr zu den wichtigsten gewählt wurden, sitzen fast alle in Berlin, Hamburg oder München. Wenig anders sieht es bei denjenigen Unternehmen aus, die der High-Tech-Gründerfonds fördert: Von den letzten knapp 50 Firmen kommt nur eine aus einem Ort, von dem ich noch nie gehört habe: Aschheim. Auch Kleinmachnow und Weiterstadt muss man nicht kennen. Das war’s aber auch schon.

Dazu passt, dass das Deutsche Institut für Urbanistik vor ein paar Monaten festgestellt hat, dass „Akquisition und Existenzgründungsberatung“ bei den kommunalen Wirtschaftsförderern zuletzt an Bedeutung verloren haben. Stattdessen setzen die Förderer vor allem auf Bestandspflege. Ein Projekt mit dem reichlich umständlichen Namen „Gütegemeinschaft Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltungen e.V.“ gibt es zwar seit 2006, bisher machen aber nur rund 40 Städte mit. Also, wo sind sie, die gründerfreundlichen Kommunen? Wer tut sich da hervor? Wo läuft es überhaupt nicht?

Eine Initiative, die Kommunen gründerfreundlicher machen sollte, gibt es übrigens nicht mehr. Initiatoren waren die KfW Mittelstandsbank, Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag und der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Wer die Homepage aufruft, der bekommt zu lesen: „Not Found.“