Zwei Monate nach dem Ende seiner Dokumentenplattform doo startet Seriengründer Frank Thelen mit einer neuen Scanner-App durch. Im Interview zieht der Unternehmer eine erste Bilanz und erklärt, was er aus Rückschlägen gelernt hat und weshalb Gründer eine dicke Haut brauchen

Frank Thelen

„Durchhalten und an Deck bleiben bei Windstärke zehn“: Seriengründer und Neumacher-Juror Frank Thelen will mit einer neuen App sein Start-up Doo doch noch zum Erfolg bringen

Im März haben Sie die Dokumentenplattform Doo eingestellt – nach zwei Jahren Entwicklung und trotz mehr als zehn Millionen Euro Startkapital. Warum haben Sie so viel Zeit und Geld aufs falsche Pferd gesetzt?
Thelen: Weil ich fest an die Idee dahinter glaube. Musik, Bilder, Filme: Alles, was digital werden kann, wird digital. Dokumente auch irgendwann. Nur waren wir offenbar zu früh dran: Bisher wollen die meisten Menschen ihre Dokumente offenbar noch nicht online verwalten, obwohl sie heute fast permanent online ist. Das habe ich falsch eingeschätzt – genauso wie andere Anbieter, die Industrie und unsere Investoren auch.

Weshalb haben Sie nicht besser auf die Nutzer gehört?
Thelen: Wir haben uns an dem orientiert, was wir uns selbst wünschen würden. Das war visionär – aber zu wenig. Ich hätte in der Tat mehr Leute befragen müssen. Dann hätte ich sehen und fühlen können, wie schwer wir es haben werden.

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Was haben Sie stattdessen gespürt?
Thelen: Euphorie, dass die Zeit reif ist. Als Gründer musst du dich dann trauen, über einen Zaun zu springen – auch ohne genau zu wissen, was auf der anderen Seite ist. Das hat bei mir in vielen Fällen schon gut funktioniert, etwa bei MyTaxi oder 6wunderkinder, zwei Startups, an denen ich als Investor beteiligt bin. Dieses Mal eben nicht. Scheitern gehört dazu.

Wie viel Schuld tragen die Investoren, die Ihnen Millionen gegeben haben?
Thelen: Die Verantwortung für das Scheitern liegt bei mir, nicht bei den Investoren. Aber natürlich war die Begeisterung der Geldgeber groß. Der ganze Markt war bullish. Das ist ja auch klar: Immer Menschen besitzen Smartphones, die Kameras und Displays werden immer besser, viele rechtliche Hürden für digitale Dokumente sind gefallen.

„Abtauchen ist der falsche Weg“

Wenn man das hört, könnte man denken, Sie hätten zu früh aufgegeben…
Thelen: Nein. Wären wir ein so genanntes „Moonlight Startup“ ohne Risikokapital und Mitarbeiter gewesen, hätten wir Schritt für Schritt in den Markt gehen können. Aber mit einem wagniskapitalfinanzierten Startup musst du schnell wachsen, um herauszufinden, ob eine Idee funktioniert – und dann schnell die Reißleine ziehen, wenn sie nicht fliegt.

Dennoch kam das Ende von doo für viele überraschend: Noch Ende 2013 haben Sie große Zukunftspläne geschmiedet. Warum die Fassade?
Thelen: Als Kapitän auf deinem Schiff musst du an Deck bleiben und alles geben, bis es gesunken ist. Bis dahin darfst du nach außen keine Zweifel zeigen, auch wenn du welche hast. Du musst durchhalten, auch bei Windstärke zehn. Sonst kannst du das Steuerrad auch gleich los lassen.

Und danach?
Thelen: Unbemerkt abtauchen halte ich für den falschen Weg – auch wenn viele Gründer den bevorzugen, weil Scheitern hierzulande zu Unrecht als Schande gilt. Der richtige Weg ist: Erklären, warum du Schiffbruch erlitten hast. Zuerst dem Team und den Investoren, dann dem Rest der Welt. Und daraus lernen.

Trotz Ihrer Offenheit bekamen sie im Netz viel Häme zu hören: „Trottel“, „Dünnbrettbohrer“ und „der Geissen der Internetwelt“. Wie sehr trifft Sie das?
Thelen: Solche platten Hater wird es immer geben. Als Gründer erlebst du in 80 Prozent der Fälle eher negative Reaktionen. In den übrigen 20 Prozent der Fälle wirst du gefeiert. So war es ja auch bei uns: Heute der Größte, morgen der letzte Depp. Dazwischen gibt es wenig. Solange sich das nicht ändert werden nicht mehr Menschen in diesem Land gründen – und wenn, dann brauchen sie eine dicke Haut.

Die haben Sie?
Thelen: Heute ja, früher nicht. Im Jahr 2000 habe ich eine Firma auf Kredit finanziert und privat dafür gebürgt. Als dann die Dot-Com-Blase platzte, wollte die Bank ihr Geld zurück: Fast eine Millionen Mark. Das war für meine Eltern ein Schock: Unsere Familie hätte nicht mal die Zinsen bezahlen können. Das war ein enormer psychischer Druck – ich hatte Kopfweh und Nasenbluten. Ich rate deswegen jedem Gründer: Verschulde dich niemals privat für dein Unternehmen. Geh’ ins Risiko, aber niemals unter Null. Beleih’ nicht dein Haus.

„Die Hater sind mir egal“

Danach hatten Sie großen Erfolg mit der Firma IPLabs, die sie 2008 an Fujifilm verkaufen konnten. Haben Sie für doo das riskiert, was Sie mit IPLabs verdient haben?
Thelen: Nein. Ich würde nicht mehr meine Lebensgrundlage aufs Spiel setzen, um einen Erfolg zu erzwingen. Auch die Hater sind mir egal. Ich freue mich darüber, wenn andere Gründer mich öffentlich unterstützen und versuchen, den Fehlschlag mit doo nachzuvollziehen. Wenn ich zu dünn behäutet wäre, hätte ich mich auch nicht als Juror in die Sendung „Höhle des Löwen“ gewagt, die in der zweiten Jahreshälfte auf VOX startet.

Hat der Misserfolg mit Doo Ihnen trotzdem persönlich weh getan?
Thelen: Zwei Wochen war ich etwas durch den Wind. Aber als Unternehmer musst du wieder aufstehen. Das macht den Erfolg aus. Wir mussten zwei Stellen in der Organisation kürzen, haben aber keine Entwickler oder Designer entlassen. Jetzt entwickeln wir mit dem Team zwei neue Produkte. Anfang April haben wir Scanbot veröffentlicht – ein Qualitäts-Scanner-App fürs Smartphone. Seitdem wurde unsere Software schon 500.000 Mal herunter geladen und von mehr als 1200 Nutzern mit 5.5 oder 5 Sternen bewertet. Wir sind wieder im Spiel.

Die Idee klingt erstmal nicht sonderlich neu.
Thelen: Das Besondere ist, dass unsere Software automatisch fast jedes Dokument erkennt, egal, auf welchem Hintergrund es liegt und wie die Lichtverhältnisse sind. Dann wird das Dokument in ein PDF verwandelt und in die Cloud hochgeladen – ohne, dass der Nutzer etwas tun muss. Das ist Raketenwissenschaft.

Bitten Sie Ihre Investoren dafür um frisches Kapital?
Thelen: Nur so viel: Wie gut ein Investor ist merkt man nur in schlechten Zeiten – wie in einer Ehe. Wir hatten zuletzt eine beschissene Zeit, aber die Investoren haben trotzdem zu uns gehalten. Nur zusammen werden wir den Turnaround bei doo schaffen.

Wir froh sind Sie, mit der neuen Idee von doo nicht selbst in der „Höhle des Löwens“ pitchen zu müssen?
Thelen: (lacht) Ich glaube, wir haben eine gute Geschäftsidee mit einem superinteressanten Markt genau zum richtigen Zeitpunkt gefunden. Außerdem haben wir ein eingespieltes Team. Damit würde ich in der Sendung auch meine Co-Juroren Vural Öger, Jochen Schweizer und Lencke Wischhusen überzeugen.

Frank Thelen, 38, gründet seit zwei Jahrzehnten innovative Startups. Zu Beginn seiner Karriere stand er kurz vor der privaten Insolvenz und kennt die Höhen und Tiefen eines Unternehmers. Heute investiert er in der Frühphase in Startups anderer Gründer – wie etwa MyTaxi, kaufda, hole19 oder 6wunderkinder. Demnächst ist Thelen in der Vox-Sendung „Höhle des Löwen“ zu sehen; außerdem ist er 2014 erstmals Juror von Neumacher, dem WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb.


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