Eine aktuelle Studie analysiert Start-ups auf dem deutschen Versicherungsmarkt. Die Autoren sehen Engpässe beim Personal und bei Finanzierungen.

Der deutsche Versicherungsmarkt lockt viele Gründer an: Zwischen Mitte 2016 und Ende 2017 hat sich die Zahl von Insurtechs von gut 50 auf 110 mehr als verdoppelt. Die Newcomer stoßen dabei zunehmend in vielversprechende Marktlücken, sehen sich aber Personal- und Finanzierungsengpässen gegenüber. Das ist ein Ergebnis des „InsurTech-Radars“, den die Strategieberatung Oliver Wyman und die Policen Direkt-Gruppe zum zweiten Mal zusammengestellt haben.

Demnach hat sich in den vergangenen 18 Monaten der Fokus der Start-ups verschoben. „War die Insurtech-Szene 2016 noch stark vertrieblich geprägt, so begann 2017 ein Umdenken. Spannende neue Insurtechs mit neuen Versicherungsangeboten oder Innovationen im Versicherungsbetrieb kamen hinzu, der Mix wurde ausgewogener“, sagt Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman.

Stark zugelegt hätten zuletzt volldigitale Versicherungsunternehmen mit Niedrigkostenstrategie. Als Beispiele nennen die Studienautoren neben anderen Coya – das Berliner Start-up hatte im Sommer eine Finanzierungsrunde von knapp 8,5 Millionen Euro abgeschlossen. Zu der Gruppe gehören auch die Wefox-Tochter One, die eigene Hausrat- und Haftpflichtversicherungen anbietet, sowie das Finleap-Venture Element. Neben digitalen Versicherern sind der Studie zufolge auch Lösungen, die den Versicherungsvertrieb technisch unterstützen, stark im Aufwand.

Weitere Marktaustritte erwartet

Die Experten mahnen allerdings, dass der Markt in beiden Bereichen tendenziell schon überbesetzt sei. „Hier stehen die Zeichen eher auf Stagnation“, sagt Kottmann. „Einige Marktteilnehmer werden ausscheiden oder ihr Geschäftsmodell in lukrativere Felder verlagern“. Großes Potenzial böten dagegen technische Innovationen, die etwa Versicherungs-Kernaufgaben wie Anträge oder die Schadensabwicklung verbessern.

Um solche Lösungen zu entwickeln, sei neben Technologie-Know-how auch ein tiefes Versicherungswissen in Gründertrams nötig. „Eine einzelne Person wird beide Kompetenzen selten in sich vereinen können“, sagt Nikolai Dördrechter, Geschäftsführer der Policen Direkt-Gruppe. Fraglich sei vor allem, ob sich künftig genügend erfahrene Versicherungsmanager auf das Wagnis einer Start-up-Gründung einlassen.

Probleme bei der Anschlussfinanzierung

Welche Wucht die sich aufbauende zweite Welle vielversprechender Insurtechs hat, hängt den Experten zufolge maßgeblich auch an der Finanzierung. Und dort hakt es derzeit noch, zeigen die Ergebnisse einer zu der Studie erstellten Umfrage unter 36 Insurtechs. Zwar erfuhr nur jeder vierte Befragte Probleme im Bereich der Anschubfinanzierungen unter 250.000 Euro. Zwei Drittel sehen aber Finanzierungsrunden mit einem Volumen von zwei Millionen Euro oder mehr als schwierig an.

Die Gründer erwarten, dass traditionelle Primärversicherer zunehmend als Investoren auftreten. Die Finanzierungslücke können diese aber nur bedingt schließen – denn die Mehrheit der Befragten kann ihnen nur wenig Positiv abgewinnen. Viele Gründer fürchteten, ihre Freiheit und Agilität zu verlieren, so Kottmann. Als Wunschpartner geben viele Befragte stattdessen Rückversicherer an, denen mehr Abstand zum operativen Insurtech-Geschäft unterstellt wird.