Lidl kauft Kochzauber, Lieferando Food Express – ist es häufig so, dass insolvente Unternehmen von der Konkurrenz gekauft werden?
Tatsächlich sind es oftmals die Mitbewerber, die schnell auf der Matte stehen, sei es, weil sie sich vergrößern wollen oder einem anderen Konkurrenten zuvorkommen möchten. Aber auch ehemalige Kunden, die abhängig sind von einer bestimmten Leistung – häufig ein Nischenprodukt, das sie ausschließlich von dem insolventen Start-up bekommen können – und darum unbedingt möchten, dass diese Firma weiterhin besteht. Ihnen ist das so wichtig, dass sie dem Insolvenzverwalter das Unternehmen bzw. die Assets abkaufen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist es zu erwähnen, dass bei einer Übernahme des Unternehmens sämtliche Arbeitsverhältnisse kraft Gesetz auf den neuen Unternehmensinhaber übergehen. Hier erfährt also der Grundsatz, dass der Erwerber nicht für Verhältnisse des alten Unternehmens haftet, eine gewisse Ausnahme. Allerdings ist der neue Unternehmer nicht verpflichtet den Arbeitnehmern ausstehende Löhne aus der Zeit vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu zahlen. Er muss aber die bestehenden Arbeitsverträge zunächst so fortführen wie sie bestehen und den Bestandsschutz achten. Arbeitnehmer können in der Theorie diesem Betriebsübergang übrigens widersprechen, in der Praxis habe ich so etwas aber bisher nur sehr selten erlebt.

Wie wird so eine Übernahme überhaupt entschieden?
Der Insolvenzverwalter entscheidet zusammen mit den Gläubigern wie es mit dem insolventen Unternehmen weitergehen soll. Meistens ist das eine kleine Gruppe von Gläubigern, der ‘Gläubigerausschuss’, der aus der Mitte der Gesamtheit aller in der Gläubigerversammlung gewählt wurde. In der Regel sollen in diesem Ausschuss die Insolvenzgläubiger mit den höchsten Forderungen und die Kleingläubiger vertreten sein sowie ein Vertreter der Arbeitnehmer.

Haben die Gründer eigentlich noch Mitspracherecht, wie es für ihr Start-up weitergehen soll?
In der Regel nicht, aber es kommt auf den Einzelfall an. Bei dem „klassischen“ Fall des asset deals liegt die Entscheidungsbefugnis beim Insolvenzverwalter und den Gläubigern. Wenn es sich aber z.B. um eine Sanierung im Rahmen der Eigenverwaltung handelt, durchaus. Um den ordnungsgemäßen Lauf des Verfahrens sicherzustellen, wird dem Schuldner ein Sachwalter zugeordnet. Dieser prüft die wirtschaftliche Lage des Schuldners und überwacht dessen Geschäftsführung, um das Start-up nachhaltig zu sanieren und eine Liquidation zu verhindern, z.B. dadurch dass die Gläubiger auf Teile ihrer Forderungen verzichten und ggf. an zukünftigen Erträgen der Gesellschaft beteiligt werden. Diese spezielle Verfahrensart wird jedoch nur in einem sehr kleinen Bruchteil der Insolvenzverfahren angewendet.

Herr Rödder, vielen Dank für das Gespräch.