Lidl kauft Kochzauber, Lieferando Food Express: Wenn Start-ups Insolvenz anmelden, ist das Interesse an einer Übernahme groß. Aber auch für ehemalige Kunden kann sich ein Kauf lohnen.

Markus Rödder, Fachanwalt für Insolvenzrecht, Partner der Sozietät Ortmüller, Meißenburg und Partner GbR, und seit mehr als zehn Jahren als Insolvenzverwalter tätig, erklärt im Interview, was bei der Übernahme eines insolventen Start-ups beachtet werden muss.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Rödder, was passiert mit den Schulden, wenn ein Pleite-Start-up übernommen wird? Begleicht der Käufer diese?
Markus Rödder: Grundsätzlich nein, da man mit Sicherheit keinen Käufer fände, wenn dieser gezwungen wäre für alte Verbindlichkeiten aufzukommen. In der Regel wird nach einer Verfahrenseröffnung das Aktivvermögen an den Käufer übertragen, häufig auf eine zu diesem Zweck neu gegründete Gesellschaft. Diese Form der Unternehmensübertragung nennt sich „asset deal“, weil nur die „assets“, d.h. Wirtschaftsgüter wie Maschinen, Kundenstamm oder Rechte usw. übertragen werden. Die Verbindlichkeiten werden nicht übernommen und hierfür haftet der Erwerber auch nicht, wenn er nach Verfahrenseröffnung vom Insolvenzverwalter erwirbt.

Wie geht es weiter, wenn das Vermögen verwertet ist und das Verfahren abgeschlossen werden kann?
Zunächst werden die Kosten des Insolvenzverfahrens beglichen, das heißt der Insolvenzverwalter wird bezahlt, die Gerichtskosten werden entrichtet. Auch die sonstigen Masseverbindlichkeiten werden vorab beglichen. Anschließend erhalten die Insolvenzgläubiger, deren Forderungen festgestellt worden sind, eine Quote auf ihre angemeldete Forderung. Kein Insolvenzgläubiger wird dabei vor einem anderen bevorzugt. Gleich ob Finanzamt, Sozialversicherungsträger oder ehemaliger Lieferant, alle erhalten den gleichen Prozentsatz; unabhängig davon, wie hoch die ausstehende Summe ist und wann sie die Forderung eingereicht haben. Das war zu Zeiten der alten Konkursordnung, die bis 31.12.1998 galt, noch anders.

Ausnahmen gibt es allerdings auch bei der Insolvenzordnung, die seit 01.01.1999 gilt: Gläubiger, denen am Vermögen besondere Rechte eingeräumt sind, haben auf diese Vermögensgegenstände oder zumindest den Verwertungserlös ein vorrangiges Recht. Die Insolvenzordnung nennt diese Sonderrechte von Gläubigern Aussonderungsrecht oder Absonderungsrecht.

Was bedeutet das genau?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Start-up erwirbt für 100.000 Euro eine Maschine, die es zur Herstellung seines Produkts benötigt und lässt den Kauf von der Geschäftsbank mit einem Kredit finanzieren. Die Bank lässt sich zur Absicherung des Kredits die Maschine übereignen. Kommt es nun zur Insolvenz und zur Verwertung der Maschine, kann die Bank den Verwertungserlös für sich beanspruchen. Wenn der Verwertungserlös die gesicherte Forderung nicht vollständig abdeckt, kann der Restbetrag zur Insolvenztabelle angemeldet werden und die Bank erhält auf diese Restforderung dann eine entsprechende Quote wie die anderen Gläubiger auch.