In den USA sitzen mehr und potentere Investoren – das ist reizvoll für deutsche Gründer. Die richtige Rechtsform kann beim Werben um Geldgeber helfen. Doch der Wechsel erfordert Aufwand.

Von Jonas Gerding

Christoph Jentzsch mag seine Heimat. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder gründete er im Jahr 2015 Slock.it in Mittweida. Wenn er von seinem Schreibtisch aufsteht, kann er auf den beschaulichen Marktplatz des mittelsächsischen Städtchens blicken. Dabei ist seine Firma längst nicht mehr nur in Deutschland registriert, sondern als „Corporation“ in den USA. So wollte es ein Investor aus dem Silicon Valley, der das Startup mit zwei Millionen Dollar ausgestattet hat. Vorerst muss sich der 32-Jährige nun nicht mehr in den Flieger setzen, um das Überleben seines Unternehmens zu sichern. Das 15-köpfige Team kann sich nun wieder auf die Entwicklung von Software-Lösungen auf Basis der Blockchain konzentrieren.

In den USA sitzt das Geld lockerer als in Deutschland. Der Unternehmensberatung PwC zufolge fließt weltweit jeder vierte Dollar Wagniskapital in die Gegend bei San Francisco. Die Summe von 58,6 Milliarden Dollar im Jahr 2016 ist zwar etwas geringer als im Vorjahr. Hierzulande steigen zwar die Investitionen (auf immerhin knapp 2,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr) – bei Anzahl, Volumen und auch Spezialisierungen locken aber jenseits des Atlantiks noch einmal deutlich mehr Chancen. Wer seine Attraktivität erhöhen will, kann dabei auch an der Unternehmensform basteln.

Bedeutend ist dabei für deutsche Gründer die Wahl der passenden US-amerikanischen Rechtsform. Populäre Beispiele sind die „Limited Liability Company“ (LLC) oder die „Corporation“, die manchmal auch als Corp oder Inc. (kurz für „incorporated“) bezeichnet wird. Das Münchener Start-up Celonis baute etwa im Rahmen einer ersten großen Investitionsrunde im vergangenen Jahr um und gründete zusätzlich ein US-Tochterunternehmen. Und auch Neokami, die 2017 von Relayr übernommen wurden, setzte auf eine Inc.-Registrierung. Wer dabei gleich zu Beginn die richtigen Entscheidungen trifft, spart sich später teure und umständliche Änderungen.

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Vier Mal im Jahr begleitet Andrea Diewald jeweils bis zu 15 Gründer auf eine Reise in die USA. Das Programm der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer führt die Unternehmer nach San Francisco, Boston und New York, wo sie auch die Chance bekommen, sich potenziellen Investoren vorzustellen.

Gerade wenn die ersten Finanzierungsrunden bereits hinter ihnen liegen und sie nach Millionenbeträgen lechzen, setzen sie große Hoffnungen in die Risikokapitalgeber: „Anschlussinvestitionen sind in Deutschland richtig schwierig zu bekommen“, erklärt Diewald. Doch auch in den USA sollten Gründer es den Investoren so leicht wie möglich machen – und sie nicht unbekannten Rechtsformen verschrecken. „Die Idee muss zum Geld kommen – und nicht das Geld zur Idee”, formuliert sie es.

Mit einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) oder einer Unternehmergesellschaft (UG) könne man US-Investoren nicht kommen, pflichtet Jentzsch von Slock.it ihr bei. „Die haben oft noch nirgendwo anders investiert“. Auch Slock.it hatte frisches Geld nötig, um an ihren Blockchain-Lösungen zu arbeiten – einer umfassenden App für die Sharing-Economy beispielsweise und einem Abrechnungssystem für Ladesäulen von E-Autos.

Im Silicon Valley konnten sie einen prominenten Investor überzeugen, der bei der Bekanntgabe der Finanzierung im März 2017 seinen Namen allerdings noch nicht genannt sehen wollte. Um die zwei Millionen Dollar zu erhalten, gründete Jentzsch eine Inc. in den USA. Das noch in Sachsen registrierte Unternehmen soll von nun an als Tochterunternehmen weitergeführt werden.

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Das ist eine Option unter vielen. Die genaue Konstellation müsse von Fall zu Fall entschieden werden, sagt Maximilian Karagöz. Der Geschäftsführer von Alton berät seit 12 Jahren Firmen, die auf dem US-amerikanischen Markt aktiv sein wollen. Mit seinen Kunden diskutiert er vor allem die Rechtsformen einer LLC und die Inc. „Der größte Unterschied ist die Besteuerung”, erklärt der 35-Jährige. Die LLC würde wie eine Personengesellschaft besteuert werden, was beispielsweise zu einem Problem führen könnte, wenn bereits eine deutsche Kapitalgesellschaft existiert. Steuern könnten dann doppelt anfallen. „Das ist ein Risikopunkt”, sagt Karagöz. „Wir raten deshalb meist davon ab”.

Überwiegend läuft es daher auf eine GmbH als deutschen Mutterkonzern und einer Inc. als amerikanische Tochter hinaus. „Die Kapitalgeber wünschen sich in der Regel, dass es eine ‚Delaware Inc‘ ist”, sagt Karagöz über die Wahl des US-amerikanischen Bundesstaat als Standort für die Registrierung. „Wenn etwas schiefläuft, kennen sie dort die Spielregeln”. Mit externer Beratung würde die reine Gründung in der Regel nicht länger als ein bis zwei Wochen dauern. Gründer müssen in den USA nicht einmal persönlich vorstellig werden. „Das ist alles elektronisch”, sagt Karagöz. „Deshalb geht das so schnell”.

Zumindest im Regelfall. Bei Abweichungen, beispielsweise dem Wunsch nach einer Niederlassung vor Ort, kann sich alles verzögern. Auch der Slock.it-Gründer Jentzsch widerspricht dem gängigen Klischee: „Ich war überrascht, wie bürokratisch die USA ist”, sagt er. „Nicht alles ist unkompliziert und billig”. Dass sich der Prozess über mehrere Monate hinzog, führt er jedoch auch auf das eigene Verschulden zurück. So mussten sie Unterlagen noch einmal überarbeitet und erneut einreichen.

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Schwierigkeiten bereitet Jentzsch auch, dass er das Startup von einer UG in eine GmbH umwandeln will. Den deutschen Behörden muss er offizielle Übersetzungen der Urkunden vorlegen. Bei dem bürokratischen Hin und Her zwischen den Ämtern beider Kontinente holte sich Slock.it externe Hilfe. 20.000 bis 30.000 Euro könnten in solchen Fällen anfallen, meint Jentzsch und schlussfolgert: „Wenn ich es noch einmal machen würde, würde ich gleich eine GmbH und nicht erst eine UG gründen”.  Solch hohe Kosten sind jedoch eher die Ausnahme. Bei Beratern wie Alton gibt es das schmalste Paket bereits für 1500 Dollar.

Wer gegenüber Investoren auf eine US-amerikanische Tochterfirma verweisen kann, mag im ersten Gespräch punkten. Langfristig würde die Gründung einer Inc. oder LLC allein jedoch nicht reichen, mahnt Diewald der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer und verweist auf die große Rolle von Netzwerken in den USA.

Deutsche Gründer müssten lernen, offener, ausdauernder und, ja, manchmal auch penetranter aufzutreten, wenn es darum geht, den Kontakt zu potentiellen Geschäftspartnern im US-Markt aufrecht zu halten, sagt sie: „Denn so schnell wie man drin ist, so schnell ist man wieder draußen”.