Nicht jedes Start-up steht täglich in den Schlagzeilen. Von diesen zehn Unternehmen dürften Sie künftig noch viel hören.

Der Deutsche Start-up-Monitor hat es kürzlich wieder gezeigt: Die Gründungen verlagern sich weg aus der Hauptstadt. Schon jetzt werden die großen Finanzierungsrunden gerne abseits der größten deutschen Gründermetropole Berlin geschlossen – in München, Kassel oder Leipzig.

Der Bundesverband Deutsche Start-ups jubelte anlässlich der Veröffentlichung: Die Entwicklung belege, dass sich das deutsche Start-up-System bewege – und mittlerweile branchen- und regionenübergreifend wichtiger werde. „Nicht weil Berlin schwächelt“, sagt der Verbandsvorsitzende Florian Nöll, „sondern weil der Rest der Republik dem Vorbild folgt.“

Das liegt natürlich an Fernsehsendungen wie der „Höhle der Löwen“, in denen sich hoffnungsvolle Jungunternehmer regelmäßig einem Millionenpublikum stellen; an börsennotierten Beteiligungsgesellschaften wie Rocket Internet und den Samwer-Brüdern, die seit gut einem Jahrzehnt das Bild des Erfolgsgründers prägen; und an Geschichten aus dem Silicon Valley, in denen Studienabbrecher wie Mark Zuckerberg mit ihrer Geschäftsidee die Welt erobern.

Doch all diese prominenten Beispiele täuschen darüber hinweg, dass es auch fernab der täglichen Schlagzeilen Start-ups in der zweiten Reihe gibt, die allerdings nicht weniger Aussicht auf Erfolg haben – manchmal sogar ganz im Gegenteil. So wie diese zehn deutschen Start-ups.

Thermondo

Mehr als 50 Stellen hat das Unternehmen derzeit ausgeschrieben, die meisten richten sich jedoch nicht an Programmierer oder Datenspezialisten – sondern an Heizungsbauer. Das Berliner Start-up hilft beim Heizungswechsel: Kunden füllen im Netz einen Fragebogen aus und bekommen ein Angebot zum Festpreis. Das soll günstiger sein als bei traditionellen Handwerksbetrieben, da etwa der Aufwand für Anfahrtskosten wegfällt: Stattdessen laden Kunden Fotos ihrer Heizung hoch.

Ursprünglich vermittelte das 2012 als Online-Marktplatz für Heizungen gestartete Unternehmen die Aufträge an Heizungsbauer. „Die haben sich aber nicht immer an die vereinbarten Zeiten und Preise gehalten“, sagt Gründer Phillip Pausder, „da habe ich gemerkt, dass wir wohl selbst ein Handwerksbetrieb werden müssen.“ Inzwischen sind mehr als die Hälfte der 300 Mitarbeiter Handwerker.

Das Geschäft ist lukrativ: In Deutschland werden jedes Jahr mehr als eine halbe Millionen Heizungen ausgetauscht. Investoren haben daher bereits mehr als 30 Millionen Euro in das Start-up gesteckt, der Energieriese E.On genauso wie die Samwer-Brüder. 2017 will Pausder Kunden zur Heizung gleich einen neuen Gasvertrag anbieten und das Geschäft auf Solaranlagen und Batteriespeicher ausweiten.

GoEuro

Das Konzept ist weder neu noch komplex, aber kommt vor allem bei jungen Nutzern an. Das Berliner Start-up GoEuro hat eine Plattform gebaut, auf der Nutzer schnell ihre Reisen planen und vergleichen können. Mittlerweile hat das Start-up zehn Millionen Nutzer im Monat. Der gebürtige Inder Naren Shaam konnte in den vergangenen vier Jahren drei Finanzierungsrunden abschließen und dabei 150 Millionen Dollar einsammeln, zuletzt investierten die Risikokapitalgeber Silver Lake und Kleiner Perkins 70 Millionen Dollar. Die Plattform will nun in 18 weitere Länder expandieren und mehrere 100 Transportpartner gewinnen. In der Zentrale in Berlin arbeiten mittlerweile mehr als 180 Mitarbeiter.

Signavio

Für Aufsehen sorgte das Start-up vor gut einem Jahr, als es bei der ersten Finanzierungsrunde 31 Millionen Euro vom US-Wagniskapitalgeber Summit Partners erhielt. Fast 1000 Unternehmen nutzen inzwischen die Software des Start-ups, darunter Airbnb und Zalando. Sie können damit die Zusammenarbeit im Unternehmen verbessern, „Business Process Management“ heißt das im Fachjargon. Signavio zielt vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen. Gründer Gero Decker entwickelte eine Software, die in der viel zitierten Cloud lagert. Ein Viertel des Umsatzes in zweistelliger Millionenhöhe erzielt Signavio bereits in den USA. Aufsichtsratschef ist der frühere SAP-Chef Leo Apotheker.

Dedrone

Drohnen werden immer beliebter, günstiger und leistungsstärker. Das birgt aber auch Gefahren. Stürzen die Geräte etwa ab, können sie beispielsweise für Verkehrsunfälle sorgen. Und hier kommt Dedrone ins Spiel. Das Kassler Start-up hat ein Warnsystem entwickelt, das mit verschiedenen Sensoren Drohnen ortet, Sicherheitskräfte alarmiert und die Landung erzwingen kann. Eine Anlage kostet zwischen 6500 und 120.000 Euro, wenn ein ganzes Stadion ausgestattet werden soll. Ingo Seebach gründete das Unternehmen 2014 gemeinsam mit Jörg Lamprecht und Rene Seeber. Mittlerweile beschäftigt das Trio 60 Mitarbeiter, Ende des Jahres sollen es schon 100 sein – in Deutschland und den USA. Dort liegt mittlerweile ihr wichtigster Markt. Deshalb gibt es seit Anfang des Jahres einen Firmensitz in San Francisco. Erst im Mai erhielt das Start-up zehn Millionen Dollar vom Venture Capitalist Menlo Ventures. 2015 lag der Umsatz bei fünf Millionen Euro.

Cevotec

Komplexe Bauteile zusammenzusetzen, kann relativ schwierig sein. Obwohl Carbon unter anderem zur Herstellung von Prothesen oder in Flugzeugen eingesetzt wird, ist die Produktion aufwendig, das Material teuer. Bislang gehen in der Regel 30 Prozent des Materials verloren. Das Münchner Start-up Cevotec hat deshalb ein Verfahren entwickelt, mit dem das voll automatisiert passieren soll. Die Verschnittraten würden damit deutlich sinken und künftig bei maximal zehn Prozent liegen.

„Wir entwickeln eine Software, die genau berechnet, wie so ein Bauteil aussehen muss, und unsere Produktionsanlage setzt das dann um“, sagt Mitgründer Thorsten Gröne. Er hat das Unternehmen 2015 gemeinsam mit Felix Michl und Neven Majic gegründet. „Wir automatisieren Prozesse, die bislang nur von Hand gemacht werden konnten“,
sagt Gröne.

Das Start-up hat im Frühjahr 1,75 Millionen Euro von High-Tech Gründerfonds, Bayern Kapital sowie Business Angels aus dem BayStartUP-Netzwerk erhalten und beschäftigt mittlerweile 13 Mitarbeiter. Cevotec arbeitet zudem mit Airbus zusammen. Zurzeit wird noch einer Prototypen-Anlage gearbeitet, der Markteintritt soll aber in naher Zukunft erfolgen.

Relayr

Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass Harald Zapp und Jackson Bond ihr Start-up Relayr gegründet haben. Inzwischen werden die Berliner sogar von Bosch in den höchsten Tönen gelobt: „Ihre Cloud-Plattform, Beratungsdienste und Hardware haben Relayr in Rekordzeit vom Start-up zum globalen Führer im Internet der Dinge gemacht“, schreibt der Zulieferer im Internet über seinen Partner.

Immer mehr Alltagsgegenstände, aber auch Maschinen werden vernetzt: Die US-Marktforschung Gartner prognostiziert für dieses Jahr, dass 6,4 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sind – 30 Prozent mehr als 2015. Relayr bietet dafür eine Infrastruktur: Auf der Online-Plattform des Unternehmens können vernetzte Gegenstände und Sensoren kontrolliert und gesteuert werden. Zu den Kunden gehören Coca Cola, Nestlé oder Cisco. Der US-Netzwerkausrüster kennt das Team des Start-ups bereits gut, denn er kaufte das letzte Unternehmen von Relayr-Chef Josef Brunner im Jahr 2013 – für mehr als 100 Millionen Euro.

Mit einem Teil des Geldes finanzierte Brunner den Start von Relayr. Inzwischen sind weitere prominente Investoren an Bord: Relayr ist eines der wenigen deutschen Start-ups, an denen sich  Kleiner Perkins Caufield & Byers beteiligt hat, einer der ältesten und erfolgreichsten Wagniskapitalgeber der Welt. 13 Millionen Dollar erhielt das Start-up in der ersten Finanzierungsrunde, nun kommt noch einmal ein hoher Betrag dazu. Damit plant Relayr auch Übernahmen.

Sonovum

Unsichtbares sichtbar machen: Das ist das Ziel des Leipziger Start-ups. Sonovum hat ein Gerät entwickelt, mit dem sich mit Hilfe von Ultraschallwellen Veränderungen in der Hirngewebestruktur frühzeitig erkennen lassen. Das ist etwa nach einer Sepsis nötig, an der immer noch mehr als 30 Prozent der Patienten sterben oder schwerwiegende Schäden davon tragen. Das mobile Gerät wird wie ein Stirnband um den Kopf gebunden und liefert dank integrierter Sensoren innerhalb von drei Minuten ein Ergebnis, auf das die Ärzte dann schnell reagieren können.

Die Technologie der Leipziger ist weltweit einmalig. Beim Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft schaffte es das Start-up damit bereits unter die Finalisten. Bislang haben Privatleute aus Deutschland und den USA vier Millionen in das Start-up investiert.

Vor allem für allem für Entwicklungsländer könnte es eine kostengünstige Alternative zur bislang üblichen Radiologie sein, um Krankheiten frühzeitig zu erkennen und richtig zu behandeln. So dauert eine MRT-Untersuchung in der Regel mindestens eine Stunde. „Mit unserem Gerät können wir Patienten innerhalb von nur drei Minuten vollständig untersuchen“, sagt Gründer Wrobel. Zudem können auch Krankenschwestern das Gerät bedienen, das zurzeit an zwei polnischen Krankenhäusern und am Universitätsklinikum Rostock getestet wird.

BigRep

Das Start-up hat sich auf 3-D-Drucker spezialisiert, die Einzelteile produzieren sollen, etwa für Möbel oder für Autos Allein im vergangenen Jahr verkaufte Gründer René Gurka 100 Geräte, die immerhin bis zu 50.000 Euro kosten und unter anderem von Universitäten genutzt werden. Aber die Kosten für den Bau der Drucker sind hoch, so dass das Start-up wohl erst ab 2017 Gewinne erzielen kann, der Umsatz liegt immerhin schon im Millionenbereich.

„Ich ärgere mich schon ärgert, dass wir nicht noch bekannter sind“, sagt Gründer René Gurka. Denn schon jetzt gehören die Drucker zu den größten auf dem Markt und sind über 90 Prozent günstiger als die der Konkurrenz. BigRep beschäftigt mittlerweile 60 Mitarbeiter, vor allem Ingenieure und Maschinenbauer. Diese Zahl solle in den nächsten fünf Jahren auf 500 Mitarbeiter an den Standorten New York, Singapur und Berlin steigen.

Eines haben die Berliner schon geschafft: Innerhalb von nur 18 Monaten sind sie zum Markt- und Technologieführer für Produkte aufgestiegen, die besonders großflächig und in Serie gedruckt werden sollen. So gehören etwa Automobilkonzerne und Kunden aus dem Maschinenbau zu den Abnehmern, die so ihre Prototypen herstellen können.

Das haben sie vor allem dem BigRep One zu verdanken, der nach eigenen Angaben zurzeit der größte auf dem Weltmarkt erhältliche Drucker, der Kunststoffe zum Schmelzen bei 65 Grad bringt und so die Produkte in 3D herstellt.

Tacterion

Erst ein Jahr alt ist Tacterion, schon jetzt hat das Start-up mehrere Preise abgeräumt. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt München, es entwickelt und vertreibt eine Sensortechnologie, mit der sich Druck auf nahezu allen Flächen messen lässt – das ist weltweit einmalig. Produkte, Maschinen und Geräte werden so berührungsempfindlich und sollen so fühlen können wie ein Mensch.

Eine Interaktion zwischen Mensch und Maschine soll damit intuitiver werden. „Da sich der Markt für dehnbare Sensorik gerade erst entwickelt, befinden wir uns in einer einmaligen Startposition, der dann vielleicht gar nicht mehr so unbekannt ist“, sagt Gründer Daniel Strohmayr.

Daniel Strohmayr hat das Start-up gemeinsam mit seinem Bruder Michael gegründet und erst Ende September ein achtstelliges Investment der Unger Unternehmensgruppe aus Weiden bekommen. Mittlerweile versuchen die Brüder aber auch in andere Bereiche vorzudringen. So wäre etwa auch ein Einsatz bei Virtual Reality und bei Wearables denkbar, aber auch in der Medizintechnik.

Magazino

Das Münchner Start-up hat einen Roboter entwickelt, der nicht nur Paletten transportieren kann, sondern auch Gegenstände aus Schuhkartons oder Büchern greift. „Unter bestimmten Bedingungen sind sie im Lager sogar effizienter als ein Mitarbeiter, der weite Strecken zurücklegen muss, um ein einzelnes, kaum nachgefragtes Buch zu finden“, sagt Frederik Brantner. Das spart Zeit und vor allem Kosten. Die Roboter arbeiten unter anderem im Lager von Sigloch, dem zweitgrößten Buchversender in Deutschland.

„In der Branche kennt man uns“, sagt Frederik Brantner. Er hat das Unternehmen 2014 gemeinsam mit Nikolas Engelhard und Lukas Zanger gegründet. Siemens ist im vergangenen Jahr als strategischer Partner eingestiegen und hält mittlerweile fast die Hälfte des Start-ups. Einen Testeinsatz bei DHL hatte der Roboter auch schon. Künftig soll er so ausgestattet werden, dass er mittels einer Kamera sehen, verstehen und interagieren kann und so eine noch höhere Leistungsfähigkeit erzielt.