In seinem neuen Buch „Wir sind das Kapital“ gibt Professor Günter Faltin eine praxisnahe Anweisung zum Gründen für jedermann – und schießt damit gegen Konventionen.

Was für manche ein Unfall ist, das kann für den anderen der Ausgangspunkt für ein Unternehmen sein: Im September 2013 machte das Londoner Hochhaus „Walkie Talkie“ Schlagzeilen, weil seine gekrümmte Glasfassade die Sonne so stark reflektierte, dass dadurch Autos anfingen, zu schmelzen. Für viele Medien ein Unfall – für Günter Faltin der Anstoß, über eine unternehmerische Nutzung der Fassade nachzudenken. Der Professor überlegte: Könnte man die vorhandene Energie nicht verwenden? Als Touristenattraktion? Für ein Mini-Schwimmbad, „die heiße Quelle von London“?

Als Entrepreneur zu denken, bedeutet für den Professor der Freien Universität Berlin nicht, das Rad neu zu erfinden. Wenn Faltin über die Gründung eines Unternehmens spricht, dann geht es ihm um einen nachhaltigen und ökologischen Aufbau eines Start-ups – und nicht um „das nächste große Ding“. Für ihn zählt, die Welt im Kleinen zu verändern, vielleicht sogar zu verbessern. In seinem neuen, im Februar erschienenen Buch „Wir sind das Kapital“ plädiert er eindrucksvoll dafür, dass wir alle Unternehmer sein können, dass wir es sogar sein sollten.

Ein Manifest gegen Rocket Internet

Wie schon in seinem Bestseller „Kopf schlägt Kapital“ widerspricht der Professor, Entrepreneur und Business Angel auch in seinem zweiten Werk nahezu allen Empfehlungen der herkömmlichen Betriebswirtschaftslehre: Er spricht sich gegen Marketing, gegen einen alleinigen Fokus auf Gewinnmaximierung, gegen riesige Geldsummen großer Investoren aus. Sein Buch liest sich wie ein Manifest – gegen Inkubatoren wie Rocket Internet.

Faltins neuestes Werk ist aber mehr als Kapitalismuskritik: Weil er sich mit seiner Ansicht des Unternehmertums „zwischen die Stühle“ setze, wie er selbst schreibt. Für die Anhänger des bestehenden Systems klingen seine Forderungen unmöglich durchsetzbar; den Kapitalismusgegnern passt es nicht, dass er nicht auch das System ändern will. „Ich habe es oft leidvoll erfahren, dass eine Position, die behauptet, man könne auch im real existierenden Kapitalismus vernünftige Ökonomie betreiben, von Kapitalismuskritikern als naiv abgetan wird“, schreibt der Professor.