Exklusiv: Deutschlands Gründerszene fordert ein Börsensegment, das auf junge Technologie-Unternehmen zugeschnitten ist. Als neuer Exit-Kanal soll der Handelsplatz die Anreize für Wagnisfinanzierer verbessern, in expandierende Startups zu investieren. Die Deutsche Börse zeigt sich offen für Gespräche mit der Startup-Szene.

Deutschlands Gründer haben ein Problem: Es fällt ihnen schwer, Wachstumskapital einzusammeln. Das jedenfalls beklagt der Bundesverband Deutsche Startups und fordert deswegen ein Börsensegment für junge Technologie-Unternehmen. „Je besser die Exit-Optionen für Investoren aus dem In- und Ausland, umso größer ihre Bereitschaft, in junge Unternehmen zu investieren“, ist Vorstandssprecher Florian Nöll überzeugt. „Ein neues Segment würde so das deutsche Startup-Ökosystem stärken.“

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Wachstumskapital ist Mangelware

Tatsächlich gleichen die Quellen für Wachstumskapital in diesem Ökosystem bisher eher tropfenden Rinnsalen als reißenden Flüssen: Während Venture-Capital-Gesellschaften in den USA im Jahr 2012 umgerechnet rund 7,2 Milliarden Euro in Unternehmen in der Wachstumsphase investiert haben waren es in Deutschland gerade mal 0,71 Milliarden – also ziemlich genau ein Zehntel, obwohl das deutsche Bruttoinlandsprodukt ein Viertel des US-amerikanischen ausmacht. Und selbst wenn Wagnisfinanzierer investieren, dann nur in kleinen Dosen: 60 Prozent der Kapitalspritzen umfassen weniger als 1,5 Millionen, wie eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft Rödl&Partner zeigt. Wer den Markt erobern oder ins Ausland expandieren will, dem reicht das gewöhnlich nicht.

Ob es ein neues Börsensegment braucht, um die Geldgeber zu ködern, wird jetzt auch innerhalb der Deutschen Börse diskutiert. Der Konzern betont zwar, dass er mit dem Entry Standard bereits „ein maßgeschneidertes Segment für mittelständische und junge, wachstumsstarke Unternehmen“ anbiete. Dennoch sucht die Deutsche Börse den Dialog mit der Startup-Welt: Wenn die Marktteilnehmer signalisieren, dass ein neues Segment gebraucht werde, stünde der Konzern dem offen gegenüber, heißt es aus dem Unternehmen.

Vorbilder und Erfahrungen fehlen

Das mag auch daran liegen, dass der Entry Standard in den Jahren 2011 und 2012 zusammen nur fünf Börsengänge verzeichnen konnte. Zum Vergleich: Am Marktplatz „new connect“ der Warschauer Börse gab es alleine 2012 rund 80 Börsengänge von Technologiefirmen. Das Modell zeigt aus Sicht des Startup-Verbands, „wie ein Neuer Markt 2.0 funktionieren kann“. Außerdem ist sein Erfolg für Nöll ein Signal, „dass auch hier mehr Börsengänge möglich sein müssten.“

Beim High-Tech-Gründerfonds (HTGF) etwa geht man davon aus, dass ein Börsengang für etwa zehn seiner 230 aktiven Potfolio-Unternehmen in den nächsten ein bis zwei Jahren interessant wäre. Bisher hat diesen Schritt allerdings noch kein Unternehmen gewagt, obwohl der HTGF in den vergangenen acht Jahren mehr als 300 Unternehmen finanziert hat.

Dazu passt, dass in einer aktuellen Umfrage des Bundesverband Deutsche Startups 94 Prozent der Unternehmen, die Wachstumskapital brauchen, angegeben haben, dass es „derzeit schwer bis sehr schwer“ sei, dieses Wachstumskapital durch einen IPO zu erhalten. Aus Sicht von Verbandssprecher Florian Nöll liegt das auch daran, dass Vorbilder und Erfahrungen fehlen. „Als Gründer kann man niemanden fragen: Wie geht eigentlich ein Börsengang“, sagt Nöll, „deswegen müssen wir die Marktteilnehmer sensibilisieren und schlau machen.“

Rösler will „Fehler des Neuen Markts“ nicht wiederholen“

Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler treibt das Thema um. Zwar habe man mit dem Investitionszuschuss Wagniskapital jüngst das Förderangebot zur Finanzierung junger innovativer Unternehmen erweitert – vor allem in der Frühphase können innovative Startups von dem Zuschuss profitieren. Jetzt gelte seine Aufmerksamkeit dem Thema Wachstumskapital, das „in Deutschland noch nicht ausreichend zur Verfügung steht“. Zu einem funktionsfähigen Markt für Wachstumsfinanzierungen gehöre auch eine „aufnahmefähige Börse“, so der FDP-Politiker. „Wir müssen uns näher damit beschäftigen, warum die bestehenden Möglichkeiten etwa des Entry Standards der Deutschen Börse nicht ausreichend genutzt werden“, erklärte Rösler gegenüber der WirtschaftsWoche. Dabei müsse jedoch darauf geachtet werden, „die Fehler aus den Zeiten des Neuen Marktes nicht zu wiederholen“.

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Der Neue Markt wurde bereits 1997 als Börsensegment für junge Technologie-Unternehmen geschaffen. Nach mehreren Hundert Börsengängen und enormen Kurssprüngen brachen die Aktien im Jahr 2000 ein, drei Jahre später wurde das Segment geschlossen. Zahlreiche Privatanleger, die von ihren Ersparnissen Aktien gekauft hatten, erlitten herbe Verluste.

Startup-Sprecher Florian Nöll betont deswegen, dass es nicht darum gehe, mit dem neuen Segment private Anleger zu ködern. HTGF-Geschäftsführer Alexander von Frankenberg dagegen sieht das indes als Chance: Der Boom von Crowdfunding-Plattformen sei ein Signal, dass junge Technologie-Unternehmen wieder für „die Masse“ interessant seien. Über die Plattformen können Klein-Investoren Startups mit ein paar Klicks Geld zur Verfügung stellen und anschließend von der Unternehmensentwicklung profitieren. Jüngst gelang es dem Dresdner Startup AoTerra so, eine Millionen Euro von 883 Geldgebern einzusammeln – ohne Börse.


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