Der Großstadt-Streit sorgt für Diskussionen in der Startup-Szene. Ein Interview mit dem Stadtmarketing-Forscher Sebastian Zenker.

Herr Zenker, Deutschlands Großstädte buhlen mehr denn je um Start-ups, Gründer aus Hamburg und München schimpfen mitunter öffentlich auf Berlin. Ist so ein Wettbewerb hilfreich – oder schadet er dem Gründerstandort Deutschland insgesamt?
Zenker: Darüber lässt sich streiten. Es kann für Städte sinnvoll sein zu kooperieren – etwa dann, wenn man um Kunden oder Investoren aus dem Ausland kämpft und gemeinsam stärker auftreten kann als alleine. Hamburg etwa kann sich im internationalen Wettbewerb besser stellen, wenn es sich als Metropolregion positioniert und auch Hamburg und Berlin lassen sich räumlich gut zusammen denken.

Aber?
Zenker: Trotzdem darf man den Wettbewerb der Städte nicht pauschal verurteilen. Er bringt Städte dazu, nach Erfolgskonzepten zu suchen, sie nachzuahmen, am eigenen Image zu arbeiten und Gelder bereit zu stellen. Unter dem Strich kann er die Bedingungen für Gründer also auch verbessern.

Wie können Städte im Wettbewerb um Start-ups punkten?
Zenker: Seit Richard Floridas Theorie der kreativen Klasse sind viele Städte der Überzeugung, dass Kapital und Unternehmen den Menschen folgen – ganz besonders den kreativen Köpfen. Dazu zählen zum Beispiel Künstler, Designer und Wissenschaftler. Auch wenn die Theorie umstritten ist hat sie viele Städte wachgerüttelt: Um die kreative Klasse anzulocken, stellen sie sich als tolerant, dynamisch und international dar und nehmen Geld in die Hand, um das Umfeld für die Kreativen zu verbessern.

Wie entscheiden Gründer eigentlich, an welchem Ort sie sich niederlassen?
Zenker: Menschen orientieren sich in der Regel an einer Art „Mental Map“, also einer Landkarte im Kopf. Das gilt auch für Gründer: Auf ihrer Mental Map sind die Orte eingezeichnet, die sie attraktiv finden – weil sie sich dort wohlfühlen und glauben, dort schnell Mitarbeiter, Kunden und Geldgeber zu finden. Dabei spielt das Image der Städte eine wichtige Rolle.

BESCHREIBUNG. Foto: Privat

Sebastian Zenker ist Assistant Professor am Department of Marketing der Copenhagen Business School. Er forscht vor allem im Bereich des Regional- und Stadtmarketings. Zenker hat an der Uni Hamburg zum Thema „Stadtmarketing und Kommunikation“ promoviert und war anschließend an der Erasmus Universität Rotterdam tätig, bevor er nach Kopenhagen wechselte. Foto: Privat

Inwiefern?
Zenker: Als Start-up bin ich in der Regel ein unbeschriebenes Blatt. Der Standort prägt das Image meines Unternehmens, wenn es noch unbekannt ist. Wenn ich beispielsweise Mode designe kann der Zusatz „designed in Paris“ helfen, Kunden zu finden; wenn ich neuen Finanztechnologien entwickle, hilft es womöglich, wenn ich mich in Frankfurt niederlasse. Berlin wieder steht inzwischen für digitale Innovation: Davon können Start-ups profitieren, wenn sie sich in der Hauptstadt niederlassen.

Können Städte ein solches Image gezielt kreieren?
Zenker: Städte und Regionen können versuchen, gezielt ein Image aufzubauen – etwa, indem sie physisch zeigen, wie modern und kreativ sie sind, also durch bestimmte Gebäude. Oder, indem sie es offensiv kommunizieren, zum Beispiel auf Veranstaltungen. Am effektivsten ist allerdings Mundpropaganda: Wenn sich herumspricht, wie attraktiv eine Stadt für Gründer ist, dann entsteht ein sehr stabiles Image – so wie im Fall von Berlin. Die Hauptstadt selbst muss gar nicht mehr kommunizieren wie attraktiv sie für Start-ups ist – das machen die Gründer längst selbst und viel glaubwürdiger.