Die Münchner Organisation Leonhard will Häftlingen den Weg zurück in die Gesellschaft erleichtern – mit Gründerkursen.

Die Veranstaltung erinnert an eine gewöhnliche Start-up-Präsentation: In einem Altbau mit hohen Wänden und Parkettboden stellen junge Männer auf großen Plakaten ihre Geschäftsideen vor. Der eine will ein Café für Familien eröffnen, in dem die Eltern essen können, während Betreuer sich um die Kinder kümmern. Der andere will Autos ausschlachten und die Einzelteile günstig weiterverkaufen. Und ein dritter will einen Online-Handel für deutsche Babyartikel in China aufbauen. Alle Gründer werben ebenso leidenschaftlich wie nervös für ihre Ideen, erklären ihre Geschäftsmodelle und die geplante Finanzierung – und das Publikum lauscht interessiert.

Doch das hier ist keine gewöhnliche Gründerveranstaltung, was schon der Blick nach draußen verrät. Nur wenige Meter vom Fenster entfernt, steht eine hohe Mauer mit Stacheldraht.

17 Häftlinge stellen an diesem Mittwoch Anfang Juni ihre Businesspläne in der JVA Stadelheim im Münchner Süden vor. Die Gründerkurse sind ein Resozialisierungsprogramm der gemeinnützigen Leonhard GmbH. Sie sollen Häftlingen helfen, sich nach der Zeit im Gefängnis wieder schneller in die Gesellschaft zu integrieren.

Adrian Janotta weiß noch genau, wie sich die Häftlinge bei ihren Präsentationen fühlen. Knapp fünf Jahre saß er in der Justizvollzugsanstalt. Er hatte Kreditkartendaten gestohlen und illegal weiterverkauft. „Das Gefängnis hat mich gebrochen“, sagt Janotta. „Aber das Leonhard-Programm hat mir wieder neuen Mut gegeben.“

Ein Jahr vor dem Ende seiner Haftzeit wurde Janotta ins Leonhard-Projekt aufgenommen. Wichtige Bedingung für die Teilnahme sei vor allem eine hohe Selbstreflexion, sagt Initiator Bernward Jopen. Ein Häftling, der die Schuld für die Strafe nicht bei sich suche, sei ungeeignet. Sexualstraftäter sind von dem Programm ausgeschlossen.

Für Janotta war die Aufnahme in das Programm ein Glücksfall. Der Haftalltag bekam endlich eine Struktur: Unterricht von acht bis 16 Uhr, praktisches Wissen, Persönlichkeitstraining. Nach den Acht-Stunden-Kursen ging es weiter: „Auf der einen Seite versucht man zu verarbeiten, was man in dieser Zeit gelernt hat“, sagt er. „Auf der anderen Seite entwickelt man seine Idee immer permanent weiter.“

Doch selbst wenn der ein oder andere sich bereits hinter Gittern Gedanken über sein Geschäftsmodell macht – die Rückkehr in die Gesellschaft ist häufig problematisch. „Nach Absitzen ihrer Strafe kämpfen viele mit Drogensucht, Familienproblemen oder Einsamkeit“, sagt Bernd Maelicke, Kriminalexperte des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft. Er spricht in solchen Fällen vom „Entlassungsloch“.

Außerdem kehrten viele Ex-Insassen in ihr altes Umfeld zurück. Die Folge: Jeder dritte Ex-Häftling wird erneut straffällig und landet wieder hinter Gittern, wie Zahlen des Bundesjustizministeriums zeigen. Laut einer Studie der Uni Göttingen sind es bundesweit sogar 46 Prozent.

Jopen will diese Zahlen reduzieren. Gemeinsam mit seiner Tochter Maren gründete er 2011 die Leonhard GmbH. „Straftäter haben Potenzial“, sagt Jopen, „sie sind oft innovativ und kreativ.“ Mit Leonhard will er dafür sorgen, dass diese Energie künftig in legale Projekte fließt.

Ein Sträfling kann sechs bis zwölf Monate vor seiner Entlassung an den Kursen teilnehmen. Das ist wichtig, damit das Ziel nicht zu weit weg ist. Sechs Monate lang lernen die Insassen von externen Karrieretrainern und Gründern, wie sie einen Businessplan erstellen, ihre Idee vermarkten und ihr Gewerbe richtig anmelden. Basiswissen für Start-ups, nur hinter Gittern.

Um den Straftätern aber auch bei ihrem Weg zurück in die Gesellschaft zu helfen, wählt das Team von Leonhard die Kandidaten nicht nur genau aus, sondern setzt neben BWL-Kenntnissen auch auf Persönlichkeitstraining: Wie kommuniziere ich mit meinen Mitarbeitern? Wie präsentiere ich mich vor einem Investor? Und was sage ich in einem Bewerbungsgespräch?

Michael Maixner gefiel vor allem diese Komponente des Programms. Der heute 55-Jährige saß elf Monate lang hinter Gittern, weil er mehrmals ohne Führerschein gefahren war. Schon vor seiner Haftstrafe betrieb er eine Gebäudereinigungsfirma. „Fachlich brachten mir die Kurse nichts Neues, aber die menschliche Komponente hat mir sehr geholfen“, sagt Maixner im Rückblick. Gerade im Bereich Mitarbeiterführung habe er viel gelernt.

Maixner zählt zu den Erfolgsbeispielen des Programms. Nach seiner Entlassung im Dezember 2014 setzte er seine Idee aus den Gründerkursen sofort um. Maixner baute eine Online-Plattform auf, die Gebäudereiniger in München vermittelt. „Daran hatte ich schon vor der Haft gedacht“, sagt der 55-Jährige. Doch erst die Zeit hinter Gittern habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich dem Projekt auch tatsächlich zu widmen. „Man könnte sagen: Gott sei Dank kam das Gefängnis.“

Fünf Monate lang arbeitete er Tag und Nacht an seinem Portal Cleanhouse24. Dann machte ihm ein großes deutsches Putzportal ein Angebot, er verkaufte für 25 000 Euro. Das Geld steckte er in seine neue Firma, wieder für Gebäudereinigung. Maixner: „So komisch es klingt: Dieses Jahr Gefängnis hat mich sehr viel weiter gebracht.“

Nicht jedes Projekt wird allerdings nach der Abschlussveranstaltung umgesetzt. Das weiß auch Angela Bilzer. „Bei einigen Ideen hatte ich Bauchschmerzen“, sagt die selbstständige Karriereberaterin, die das Projekt schon seit Jahren begleitet. Manchmal fehle ihr der Realitätscheck, ob es für das Angebot überhaupt einen Markt gibt.

Trotzdem steht sie dem Programm positiv gegenüber. Denn es beinhalte eine wichtige Komponente: „Die Häftlinge erfahren, dass sie nicht das unterste Glied der sozialen Kette sind“, sagt Bilzer. „Sie lernen in den Kursen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie Leistung zeigen.“ Bald wird sie einen der Gefangenen bei seiner Rückkehr in die Gesellschaft begleiten. Dabei geht es um praktische Tipps und Gründerberatung, aber auch Beistand für die Zeit nach der Haft.

Einige Gründer stehen den Häftlingen ebenfalls als Berater zur Verfügung. Diese Verbindung hält Bernd Maelicke für sehr wichtig: „Von den Unternehmern aus der Wirtschaft können geeignete Häftlinge sehr viel lernen: unternehmerisches Denken und Handeln, Selbstverantwortung, Zukunftsorientierung, wirtschaftliches Handeln, Kundenorientierung“, so der Kriminalexperte. Diese Kompetenzen würden im Gefängnis nicht vermittelt, seien aber nach der Entlassung von großer Bedeutung.

Janotta ist vor einem halben Jahr aus dem Gefängnis gekommen. Ihm hat die Betreuung sehr geholfen. Leonhard hat ihm in München eine Unterkunft und einen Teilzeitjob besorgt, in dem er täglich vier Stunden arbeitet. Seine Mentorin unterstützt ihn dabei – wie auch schon im Gefängnis. Dort entwickelte er bereits einen Blog, auf dem er kostenlos Tipps zur IT-Sicherheit gibt.

Er hat zwar noch nicht selbst gegründet, arbeitet aber weiterhin an seinem Projekt. Eine Weiterbildung im IT-Bereich, die er vor Kurzem abgeschlossen hat, ist da erst der Anfang: In den kommenden Monaten soll aus seiner Idee eine IT-Security-Firma entstehen. Damit will er künftig jene Schlupflöcher schließen, die er früher für seine kriminellen Machenschaften genutzt hat.

Dass die Gründerkurse nicht nur ihm helfen, belegen die Zahlen: Von den 100 Absolventen sind mittlerweile 76 entlassen. Insgesamt entstanden 16 Unternehmen, 60 Prozent der Gründer fanden binnen eines Monats einen Arbeitsplatz. Auch die Rückfallquoten sprechen für Leonhard: Nur zwölf Prozent der Teilnehmer wurden nach der Haft rückfällig, wie eine Studie der TU München und der US-Universität Indiana zeigt. Auch das Vorbild texanischer Gefangener lässt hoffen: Dort liegen die Rückfallquoten in einem ähnlichen Projekt deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt.

Trotzdem steht das deutsche Äquivalent vor einem Problem: Ende Juni ist die Förderung durch den Europäischen Sozialfonds ausgelaufen. Nun sucht Leonhard neue Investoren. Bei der Veranstaltung in München zu Beginn des Monats ging es daher nicht nur um die Häftlinge. Auch potenzielle Sponsoren sind unter den Zuschauern. Für die Jopens gilt es, diese zu überzeugen. Ansonsten steht das Projekt vor dem Aus.

Für Teilnehmer wie Michael Maixner wäre das bedauerlich. Der Unternehmer wollte wegen des Kurses sogar unbedingt länger im Gefängnis bleiben. Als er erfuhr, dass sein Entlassungstermin zwei Wochen vor Abschluss des Gründerkurses liegen würde, besorgte er sich eine richterliche Verfügung, um seinen Aufenthalt im Gefängnis um 14 Tage zu verlängern – und an der Endveranstaltung teilnehmen zu können. „Ich muss immer alles zu Ende bringen“, sagt Maixner. Selbst dann, wenn es eine längere Haft bedeutet.