Offiziell plädiert die Start-up-Branche für mehr Gründerinnen – doch Meike Haagmans meint: Vielen Frauen mangelt es an Selbstbewusstsein.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen und mit anderen Kuriositäten der Start-up-Szene.  Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventours und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Es gibt wohl kaum einen Businessplan, in dem das Wort Innovation nicht mindestens einmal auftaucht. Aber so innovativ, wie die Start-up-Branche gerne sein möchte, ist sie nicht. Rein volkswirtschaftlich gesehen ist sie oft nur ein klassisches Spiegelbild unserer konservativen Gesellschaft.

Scheinbar schreit die gesamte Gründerszene nach Entrepreneurinnen. Es werden spezielle Förderprogramme aufgelegt und Preise ausgeschrieben. Aber wollen in der Realität alle Beteiligten überhaupt eine Veränderung leben?

Als erstes müssen wir, die Frauen selbst, uns fragen: Haben wir eine Existenzgründung überhaupt richtig verstanden – und zwar wortwörtlich: Haben wir begriffen, dass wir existieren und genug Geld verdienen müssen, um davon leben zu können?

Wenige Frauen können von ihrem Start-up leben

Ich habe inzwischen viele Frauen kennengelernt, die sich Gründerinnen nennen. Die Anzahl derjenigen allerdings, die von ihrem Start-up ihren Lebensunterhalt bestreiten können und mit denen man Finanzierungs-, Wachstums- oder Mitarbeiterprobleme besprechen kann, zähle ich an zwei Händen ab. Es gibt es viele Frauen, die sich verändern wollen – es aber nicht können.

 Das Kernproblem ist: Bevor Frauen grundlegende Entscheidungen treffen, werden zig Maßnahmen eingeleitet, um diese Entscheidung so lange wie möglich herauszögern zu können – bis diese schon nicht mehr aktuell ist. 

Steht sie sich etwa selbst im Weg?

Ein gutes Beispiel sind Aus- und Weiterbildungen, die Frauen machen. Es reiht sich eine an die andere, doch bevor Frau das Erlernte anwendet und dadurch die Grundlage einer klassischen Existenzgründung schafft, meldet sie sich schon direkt für den nächsten Kurs an. Es fehlt das Grundvertrauen in sich selbst. Und wenn alles nicht hilft, wird Frau eben Lifestyle-Wegweiser-Coach. 

Hat Facebook-Managerin Sheryl Sandberg also recht, wenn sie in ihrem Buch „Lean In“ die Hypothese diskutiert, dass Frauen sich innerlich immer noch auf die Rolle als zukünftige Ehefrau und Mutter vorbereiten und sich deshalb auf ihrem möglichen Karriereweg selbst im Weg stehen?

Ist die Gründung das neue Ehrenamt? Hier eine Veranstaltung, dort ein Cocktail, hier eine kleine Auszeichnung und dort ein Abendessen. So eine Art Beschäftigungstherapie für die zukünftigen Ehefrauen der gut verdienenden Unternehmensberater der Generation Y.

Pflicht statt Kür

Aber auch die anderen Beteiligten, diejenigen, die laut schreien und Programme zur Frauenförderung auflegen, absolvieren nur das Pflichtprogramm. Die Kür indes fehlt: Warum zum Beispiel bietet die Hypovereinsbank ein Gründerinnen-Programm an, taucht aber gleichzeitig nicht in den Programmheften der großen Frauen-Events wie der herCAREERWoMenPower oder women&work auf? Und das betrifft alle Banken, nicht nur die HVB. Traut das deutsche Bankensystem Frauen keine effektive und nachhaltige Gründung zu?

Und zum Schluss sind da die Gesellschaft und ihr Frauenbild. Ein passendes Beispiel ist der „Escort Skandal“ auf der NOAH Konferenz in Berlin: Das Start-up Ohlala hatte Escort-Damen auf das Abendevent des Kongresses eingeladen.

Schaut man sich allein die Reichweite dieser Guerilla-Aktion an, gehört sie definitiv in jedes Marketing-Lehrbuch. Aber wer wurde für den Skandal beschuldigt? Richtig, Pia Poppenreiter, Gründerin von Ohlala. Nicht etwa die Organisatoren der Abendveranstaltung. Bekannterweise sind die Tickets für den Kongress und die Abendveranstaltung kein Schnäppchen. Summiert man diese mit der Anzahl der eingeladenen Damen, ist es also kaum vorstellbar, dass ein Start-up wie Ohlala, das kürzlich Mitarbeiter entlassen hat, ein so großes Marketing-Budget hat, um die Aktion allein stemmen zu können. Über die Unterstützer sprach aber niemand.

Verschenktes Potential

Gut, die Start-up-Branche hat nach dem Vorfall entschieden: Sex ist Pfui – zumindest wenn eine Frau so ein Unternehmen führt. Und wer darf nächste Woche als Sprecher auf die Bühne der Gründerkonferenz Bits&Pretzles? Der Gründer des Sexportals Pornhub.

Ich lerne jeden Tag tolle Frauen kennen. Zum Beispiel die Assistentinnen der großen, berühmten Gründer. Durchweg alle smarte, intelligenten Frauen. Jedes Mal frage ich mich: Warum machst du nicht dein eigenes Ding? Aber so war es ja schon immer: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine kluge und starke Frau. 

Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen. Nur kann ich nicht verstehen, dass sich so viele Frauen zurückhalten – obwohl so viel Potenzial in ihnen steckt.