Ein Jahr Mindestlohn: Im WirtschaftsWoche-Gründer-Interview zieht Florian Nöll vom Bundesverband Deutsche Start-ups Bilanz. Was es für Start-ups bedeutet.

Von Louisa Riepe

Florian Nöll ist Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Start-ups (BVDS). Schon als Schüler hat er sein erstes Unternehmen gegründet und danach mehrere Start-ups in der IT und Internetwelt aufgebaut. Daneben engagiert der 32-Jährige sich in der Gründungsförderung. Als Vorsitzender des BVDS ist er der erste Dolmetscher zwischen Start-ups und der Politik, wie er selbst sagt. Von Beginn an hat sich Nöll in der Debatte um den Mindestlohn Gehör verschafft. Seine Forderung damals: Praktikanten müssen vom Mindestlohn ausgenommen werden. Ein Jahr später zieht er im Interview mit WiWo Gründer eine Bilanz:

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Nöll, die Zahl der Erwerbstätigen ist 2015 gestiegen, der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung wächst, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse werden weniger. Offenbar hat der Mindestlohn kaum negative Auswirkungen. Ist Ihre Kritik am Mindestlohn damit wiederlegt?
Florian Nöll:
Ich halte das für keinen Wiederspruch. Beim Mindestlohn haben wir immer unterschieden und das müssen wir auch bis heute tun, über welchen Mindestlohn wir sprechen. Über den Allgemeinen oder über den für Praktikanten. Den Allgemeinen haben wir nie kritisch gesehen, weil 80 Prozent unserer Gründer Akademiker sind und es bei den Mitarbeitern so ähnlich aussieht. In den meisten Berufen betrifft uns das also gar nicht und auch generell sind unsere Start-ups daran interessiert, gute und fähige Mitarbeiter zu finden. Deswegen ist der Mindestlohn da kein Thema. Was wir kritisiert haben, ist der Mindestlohn für Praktikanten, weil unsere Start-ups die Ausbildungsberufe für die Digitale Wirtschaft sind.

Das Mindestlohngesetz ist nun gut 13 Monate in Kraft. Wie genau sich das auf die deutschen Start-ups ausgewirkt?
Der Start-up-Verband ist Initiator des Deutschen Start-up Monitors, einer Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Danach haben 61 Prozent der Start-ups wegen des Mindestlohns ihre Einstellungspolitik für Praktikanten geändert. Was haben sie im Detail gemacht: Jeder Zehnte sagt, wir beschäftigen weniger Praktikanten. Etwa zwölf Prozent sagen, sie stellen gar keine Praktikanten mehr ein. Und der größte Teil, knapp 40 Prozent, sagen, dass sie nur noch Praktika im Rahmen der gesetzlichen Ausnahmen vergeben, sprich nur noch Pflichtpraktika und eben keine Praktika, die länger als drei Monate dauern. Also in der Schattierung: Gar keine Praktikanten mehr, weniger Praktikanten oder eben das, was man als Ausnahme darf, ohne das man den Mindestlohn zahlen muss.

Warum halten Sie das für problematisch?
Es ist erst einmal für den Studierenden schlecht, weil es schwieriger ist, an Praktika zu kommen. Da ist natürlich eine große Ungleichheit: Wer in seiner Studienordnung kein Pflichtpraktikum vorgesehen hat, der bekommt nach diesen Zahlen bei jedem zweiten Start-up eigentlich keinen Praktikumsplatz mehr. Und dann ist es für die deutsche Wirtschaft extrem schlecht. Unsere Hochschulen qualifizieren nicht für digitale Berufe und Praktikanten sind die Mitarbeiter von Morgen. Nicht nur für Start-ups sondern auch für etablierte Unternehmen. Deshalb auch diese Aussage: Start-ups sind die Ausbildungsbetriebe der digitalen Wirtschaft. Wir haben – und das machen unsere Start-ups sehr gerne, und ich persönlich auch – immer Praktikanten beschäftigt, um zukünftige Mitarbeiter zu finden und auszubilden. Und das machen wir dann jetzt deutlich weniger. Diese Mitarbeiter stehen uns nicht zur Verfügung. Dasselbe gilt für etablierte Unternehmen im Mittelstand beispielsweise, die sehr gerne auf dieses Mitarbeiterpotential mit Digitalkompetenz zurückgegriffen haben in den vergangenen Jahren.

Sie sprechen ganz allgemein von Mitarbeitern mit Digitalkompetenz. Aber welche Studierende sind das konkret, die Praktikumsstellen bei Start-ups suchen und wie werden sie beschäftigt?
Sicherlich sind da viele Ökonomen dabei, Betriebswirtschaftler und so weiter. Aber auch Geisteswissenschaftler. Und die sind zum Beispiel beschäftigt in der ganzen Bandbreite des Marketings, Online-Marketing, Social Media Marketing und diesen Berufsgruppen. Aber wir reden da sicherlich auch von Software-Entwicklung, Apps, E-Commerce und so weiter. Das sind Fähigkeiten, die man an unseren Hochschulen noch nicht lernen kann und die anderswo dringend benötigt werden.

Sie sehen also eine neue, hausgemachte Dimension des Fachkräftemangels auf uns zukommen?
Ja, und es geht dabei nicht nur um die Start-up-Welt. Ich würde behaupten, die ist gut in der Lage als Arbeitgeber entsprechend attraktiv zu sein für junge Menschen. Aber wir haben ja auch noch unseren deutschen Mittelstand, der vor der vor dieser Mammut-Aufgabe der Digitalisierung steht und für den es schon eine Herausforderung ist, die richtigen Mitarbeiter dazu zu finden. Der kann diese Mitarbeiter nicht selber ausbilden, weil die Digitalkompetenz im eigenen Unternehmen fehlt. Also ist er darauf angewiesen, dass auf dem Arbeitsmarkt entsprechende Fachkräfte zur Verfügung stehen. Und seit dem 1. Januar 2015 werden davon Tag für Tag weniger ausgebildet, weil wir weniger Praktika in den Start-ups und der digitalen Wirtschaft vergeben.