Der Berliner Fotodienst EyeEm behauptet sich gegen den US-Konkurrenten Instagram – dank eines besonderen Geschäftsmodells.

Auch Algorithmen können Komplimente machen: Florian Meissner nimmt sein Smartphone, schießt ein Selfie. Sofort rasen auf dem Bildschirm Zahlen und Worte durch ein weißes Feld: „Junger Mann, Person, Bart, Freizeitkleidung”, ist da zu lesen. Es folgt: „gut aussehend“. Meissner, Gründer des Berliner Start-ups EyeEm, lacht und sagt freundlich „oh, danke“.

Was sich auf Meissners Handy abspielt, ist die Demonstration fortschrittlichster Bilderkennungstechnologie: Meissners neueste Software, Codename Troll, erkennt in Echtzeit, was auf Fotos zu sehen ist, und versieht sie mit passenden Schlagworten. Der Clou: „Das Programm sagt auch dazu, welches die besten Bilder sind“, erklärt der Gründer. Dazu würden Auflösung, Schärfe und Kontrast oder Proportionsregeln wie der goldene Schnitt mit einberechnet.

Demnächst will Meissner diesen Ästhetik-Algorithmus in sein Hauptprodukt integrieren, in die Foto-App EyeEm. Und so den nächsten Schub für sein Geschäft einläuten: den Verkauf der Bilder seiner Nutzer.

Die deutsche Start-up-Kapitale Berlin hungert nach Erfolgsgeschichten. Eines der größten Aushängeschilder, der Musik-Streamer Soundcloud etwa, sucht gerade verzweifelt nach einem rettenden Käufer. Doch Meissner und seine 80-Mann-Truppe haben von einem Kreuzberger Hinterhofloft aus fast unbemerkt einen der wichtigsten Bilderlieferdienste des Smartphone-Zeitalters aufgebaut. Mit zahlungskräftigen Kunden wie Apple, Audi und AirBnB.

Vor allem aber hat sich EyeEm gegen den übermächtigen US-Konkurrenten Instagram behauptet. Nur wie hat Meissner das geschafft? StudiVZ, Wimdu, 9Flats – die Liste der durch US-Rivalen erschlagenen deutschen Start-ups ist lang.

Doch während die Gescheiterten ihre US-Vorbilder schlicht nachahmten, verfolgte Meissner von Beginn an einen eigenen Ansatz: Er wollte die Fotos der Nutzer selbst verkaufen und positionierte EyeEm als Plattform für ambitionierte Hobbyfotografen. Gegen alle Widerstände. Denn der eigene Erfolg hätte ihn fast vom Weg abgebracht.