Die Bundesagentur für Arbeit will ihren Etat für Existenzgründer aufstocken. Andreas Lutz vom VGSD erklärt, warum er das für eine Mogelpackung hält und weshalb er die Institution dafür verantwortlich macht, dass mehr Menschen nur im Nebenerwerb statt im Vollerwerb gründen

Herr Lutz, die Bundesagentur für Arbeit will ihren Etat für Existenzgründer in diesem Jahr auf rund 427 Millionen Euro fast verdoppeln und rechnet mit mindestens 28.300 neuen Anträgen auf einen Gründungszuschuss. Eine gute Nachricht für Gründer?
Andreas Lutz: Das mag zwar zunächst so aussehen, ist aber ein recht drastisches Beispiel für „Window dressing“, also Schönfärberei.

Andreas Lutz ist Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbständigen (VGSD) und Autor zahlreicher Bücher für Existenzgründer. Foto: VGSD

Andreas Lutz ist Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen (VGSD) und Autor zahlreicher Bücher für Existenzgründer. Foto: VGSD

Weshalb?
Lutz: Noch im Jahr 2011 betrug das Budget gut vier Mal so viel, nämlich 1,8 Milliarden Euro. Damit wurden knapp 134.000 Gründungen gefördert – also vier Mal so viele wie die Arbeitsagentur jetzt erwartet.

Warum können Sie sich dann nicht erst recht freuen, dass das Budget jetzt wieder wächst?
Lutz: Weil es in Wirklichkeit gar keine Ausweitung des Budgets für 2014 gibt. Die Kürzungspläne aus dem Jahr 2011 sahen ab 2013 ohnehin ein Budget von 430 bis 470 Millionen Euro Budget für den Gründungszuschuss vor. Die vermeintliche Verdopplung ergibt sich nur dadurch, dass die Arbeitsagentur bei der Förderung 2012 und 2013 noch viel stärker auf die Bremse getreten hatte, als dies eigentlich von der Politik vorgesehen gewesen war.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?
Die Arbeitsagenturen sagen auch heute noch einem großen Teil der Gründungswilligen, sie hätten keinen Anspruch auf Gründungszuschuss und schrecken sie auf diese Weise von der Antragstellung ab. Den Betroffenen entgehen bis zu 18.000 Euro Förderung. Wer sich nicht beirren lässt und den Antrag trotzdem mit professioneller Hilfe stellt, erhält die Förderung in den allermeisten Fällen.

Die KfW hat kürzlich bekannt gegeben, dass die Zahl der Gründer im Nebenerwerb deutlich gestiegen ist, während die Zahl der Vollerwerbsgründer weiter stagniert. Freut Sie das?
Lutz: Ich freue mich für jeden, der seinen Traum von der Selbständigkeit verwirklichen kann. Dass viele inzwischen im Neben- statt im Haupterwerb gründen, dürfte allerdings ebenfalls mit der Abschreckungsstrategie der Arbeitsagenturen zu tun haben. Statt den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, starten viele ganz klein und vorsichtig neben dem Arbeitslosengeld-Bezug. Oder sie bleiben in einem ungeliebten Job und betätigen sich nebenberuflich. Professor Alexander Kritikos vom DIW hatte diese problematische Entwicklung bereits 2011 in einer Studie vorausgesagt.

Was sind die Vorteile einer Gründung im Nebenerwerb?
Lutz: Eine Gründung in Teilzeit ist ein sehr guter Weg, mit wenig Risiko eine Geschäftsidee auszuprobieren – und auch sich selbst. Ich nenne das “unternehmerisches Probehandeln”.

Was bedeutet das konkret?
Lutz: Man testet unter realen Bedingungen, ob es einen Markt für die angebotenen Leistungen gibt, wie man sie am besten verkauft, welchen Preis man durchsetzen kann, worauf es den Kunden ankommt, welche Vor- und Nachteile man gegenüber anderen Anbietern hat. Vielleicht stößt man auf eine Goldader und merkt: Davon kann ich auch Vollzeit leben. Mit dieser Gewissheit und ersten Aufträgen im Gepäck fällt es deutlich leichter, einen Gründungszuschuss oder einen Bankkredit zu bekommen als mit einem noch so gut durchdachten Businessplan alleine.

Was, wenn es weniger gut läuft?
Lutz: Im Nebenerwerb kann man das Konzept in aller Ruhe weiterentwickeln, wenn es nicht sofort rund läuft. Und selbst wenn man feststellt, dass sich die Nachfrage in Grenzen hält oder die Idee nicht funktioniert, lässt sich die Selbständigkeit ohne Verluste wieder zurückfahren.

Kann eine Gründung nebenbei auch dauerhaft und trotz der Doppelbelastung funktionieren?
Lutz: In der Tat streben viele Gründer gar keine hauptberufliche Selbständigkeit an – etwa, weil sie Familie haben, noch studieren oder ihre Rente genießen wollen. Oder einfach, weil sie einfach einen guten Job haben, den sie nicht aufgeben möchten, der sie aber allein nicht ausfüllt.

Unter allen Gründern im Nebenerwerb sind mehr Frauen, als unter den Vollerwerbsgründern. Wie lässt sich das erklären?
Lutz: Vor allem für Frauen mit kleinen Kindern ist die Selbständigkeit ein wichtiger Weg, sich entsprechend ihrer Qualifikation beruflich zu betätigen, beruflich am Ball zu bleiben und Netzwerke aktiv zu halten. Die Feststellung garantiert dabei eine Art Grund-Einkommen, das für den Unterhalt der Familie notwendig ist.

Weniger Risiko, bessere finanzielle Absicherung, mehr Zeit: Wer die Doppelbelastung aushält und grünes Licht vom Chef bekommt, hat als Gründer im Nebenerwerb gute Chancen, ein erfolgreiches Unternehmen aufzuziehen.

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Foto: Deniz Saylan für WirtschaftsWoche

Mit welchen Hindernissen müssen Gründer rechnen, die vom Neben- in den Vollerwerb wechseln wollen?
Lutz: Wer sich in Teilzeit selbstständig macht, muss viele Betrags- und Zeitgrenzen beachten, sonst kann es passieren, dass man mit einem hohen Mindestbeitrag von 350 Euro im Monat sozialversicherungspflichtig wird. Das finden wir als Verband besonders problematisch, weil es Gründern mit wenig Einkommen gerade am Anfang das Leben schwer macht.

Kann es auch passieren, dass Gründer ihre Chancen auf den Gründungszuschuss mindern, wenn sie zunächst im Nebenerwerb starten?
Lutz: Ja. Wer weniger als 15 Stunden pro Woche in die Selbstständigkeit investiert, hat keinen Anspruch auf den Zuschuss. Außerdem bekommt den Zuschuss nur, wer aus der Arbeitslosigkeit heraus gründet; dafür muss die Selbstständigkeit die gleichzeitige Anstellung überwiegen. Das ist bei vielen Nebenerwerbsgründern aber nicht der Fall. Teilzeitgründer sollten sich von daher genau informieren – der Beratungs- und Optimierungsbedarf ist größer als bei mancher klassischen Vollzeit-Gründung.


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