Vier Studenten waren der Meinung, dass Zivilcourage leichter gemeinsam zu leisten ist. Aus der Idee wurde eine App. Encourage bringt die Jungs jetzt nach Seattle.

Von Frederike Holewik

Eine App, die auf Knopfdruck Alarm auslöst – und alle Personen in der Umgebung informiert, die die App auch nutzen. Das ist die Idee von vier Studenten aus Karlsruhe. Tobias Röddiger, René Brandel, Dominik Doerner und Cole Bailey haben die App Encourage entwickelt und wollen damit erreichen, dass Menschen im Notfall schnell geholfen werden kann. Im Interview erklären sie ihre Beweggründe.

WirtschaftsWoche Gründer: Wann habt ihr das letzte Mal Zivilcourage bewiesen?
Tobias Röddiger: Vor einem halben Jahr etwa war ich auf einer Party und ein Junge wurde bedrängt. Er hatte sich selbst nicht mehr so unter Kontrolle. Da bin ich dann dazwischen gegangen. Es war kein akuter Notfall, aber trotzdem sollte so etwas nicht einfach zugelassen werden.
René Brandel: Ich bin in China aufgewachsen und war auch letztes Jahr zum Urlaub da. Es kam zu einer Schlägerei zwischen einem Deutschen und einem Chinesen. Das Polizeinetz war total überlastet. Da wusste ich nicht, was ich tun sollte. Zum Glück hat sich die Situation schnell aufgelöst, aber da dachte ich: Hier hätte ich etwas anderes gebraucht. Und da standen 20 Menschen drumherum, gemeinsam hätte man etwas tun können.
Dominik Doerner: Erst kürzlich beim Autofahren stand ein anderer Wagen halb auf der Spur. Ich bin kurz rechts ran gefahren und habe gefragt, ob ich helfen kann. Das war nichts großes, aber oft fehlt es grade an den kleinen Dingen.
Cole Bailey: In Karlsruhe ist mir noch nichts in der Art passiert. Aber ich komme aus den USA, da gibt es oft Situationen bei denen Leute einfach drumherum stehen, meistens ist man zu spät und kommt da nicht durch, fühlt sich hilflos, aber möchte helfen. Man bräuchte aber mehr Informationen, um eingreifen zu können.

Was können Menschen tun, um anderen zu helfen?
Doerner: Es gibt drei Schritte. Zunächst muss man wissen, dass etwas passiert ist, um helfen zu können. Dann muss man die Grenzen überwinden, die davon abhalten einzuschreiten oder einfach nachzufragen. Schließlich muss man wissen, was zu tun ist. Unsere App Encourage unterstützt die ersten beiden Punkte. Eine andere Art, Zivilcourage zu stärken, sind etwa Erste Hilfe-Kurse, die setzen dann beim dritten Punkt an.

Ist eine App nötig, weil die Leute heute weniger Zivilcourage zeigen?
Doerner: Weniger Zivilcourage als früher? Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass man einfach immer mehr helfen kann.
Röddiger: Die Leute wollen helfen! Es fehlt aber oft der erste Anstoß.
Brandel: Genau. Unsere Evaluation hat auch gezeigt, dass viele Leute unsere App runterladen wollen, weil sie gerne anderen helfen möchten. Viel mehr als um sich selbst zu schützen. Unsere App könnte das Problem des Anstoßes beheben oder zumindest dabei helfen.

Was macht die App genau?
Doerner: Encourage ist eine Notfall-App, die es ermöglicht Leute im nahen Umfeld zu informieren, wenn Hilfe benötigt wird. Damit auch Freunde und Familie weit entfernt informiert werden, müssen sie nur mit dem eigenen Gerät verknüpft sein.

Wer wird dann alles benachrichtigt?
Doerner: Alle App-Nutzer in einem bestimmten Umkreis. Der genaue Radius muss noch getestet werden.
Röddiger: Dann wird die Position gesendet, die sich automatisch updatet, wenn man zum Beispiel vor jemandem davonläuft. Zusätzlich kann der Nutzer auch weitere Informationen angeben.

Wie kam es zu der Idee?
Röddiger: Vor einem Jahr hat mir eine Freundin eine SMS geschickt, weil sie sich bedroht fühlte. So eine SMS hat wenig Informationsgehalt, etwa wo die Person sich genau aufhält. Zudem war ich viel zu weit weg, um etwas tun zu können.

Die Idee hat auch die Jury des Microsoft Imagine-Cup-Wettbewerbs beeindruckt, bei dem junge Gründer mit technischen Ideen aus der ganzen Welt gegeneinander antreten.
Bailey: Genau, wir fliegen jetzt zum Finale nach Seattle und nehmen an der letzten Runde unserer Wettkampfkategorie teil. Der Sieger bekommt 50.000 Dollar. Danach wird noch aus den Gruppensiegern ein Gesamtsieger ermittelt, der dann auch den CEO von Microsoft treffen darf. Wir müssen jetzt noch unsere Präsentation vorbereiten. Darauf beruht auch die Bewertung. Wir haben letztens auch einen Übungsvortrag in München gehalten.

Liebes Encourage-Team, vielen Dank für das Gespräch.