Lernen im Schnelldurchlauf sieht Helmut Seidl kritisch. Der 59-Jährige unterrichtet unter anderem Programmieren in Java und Programmoptimierung an der Fakultät für Informatik an der Technischen Universität (TU) München, der im IT- und Innovationsbereich immer wieder einen guter Ruf bescheinigt wird. 5.300 Studierende sind derzeit an der Fakultät eingeschrieben. Sie durchlaufen ein klassisches dreijähriges Bachelorstudium inklusive zwei verpflichtenden Praxisphasen und mehreren Projektarbeiten.

Beispielsweise gehen die Studierenden in einer Art Simulation als Projektentwicklerteam in Industrieunternehmen und lösen vereinfachte Programmieraufgaben. „Durch die Projekte halten wir unsere Inhalte aktuell“, sagt Seidl. Außerdem werde ein Großteil der Vorlesungen von praktischen Übungen begleitet.

Den Vorwurf, dass die klassischen Universitäten zum Großteil kaum praxisrelevantes und überholtes Wissen vermitteln, lässt er nicht gelten: „Es stimmt zwar, dass man vor 15 Jahren teilweise durch ein Informatik-Studium kommen konnte, ohne eine einzige Zeile Code geschrieben zu haben“, sagt Seidl. „Aber diese Zeiten sind lange vorbei.“ Viel wichtiger sei, dass Studierende ein tiefes Verständnis für Programmiersprachen, deren Konzepte und die technischen Möglichkeiten entwickeln.

Nachhaltigkeit mal anders

Zentrales Ziel des Informatik-Studiengangs an der TU München sei, den Gedanken der Nachhaltigkeit zu vermitteln: Es sei sehr einfach, innerhalb kurzer Zeit eine Software zu programmieren, die funktioniert. Dafür genügt laut Seidl die sogenannte Copy-and-Modify-Strategie, also das Abschreiben und Verändern eines bereits bestehenden Codes. „Das ist eine extrem effiziente Methode, um Probleme mit Hilfsmitteln zu lösen, von denen man bestenfalls ein intuitives Verständnis hat.“ Mit etwas Glück funktioniere das Programm einwandfrei, so Seidl. Aber er nennt das „Wegwerf-Software“. Denn durch das reine Kopieren hätten es andere Entwickler sehr schwer, mit der Software weiterzuarbeiten und sie zu verbessern.

Außerdem sei auch die Nachhaltigkeit in der Ausbildung wichtig: Die Inhalte eines Studiums müssten das Rüstzeug für jahrzehntelange berufliche Praxis zur Verfügung stellen, so Seidl. „Wenn wir uns auf aktuell hippe Themen konzentrieren, ist das nur für den Moment gut.“ Denn irgendwann könne zum Beispiel Java aus der Mode kommen. Stattdessen werden Sprachen wie Rust oder Go wichtiger. „Gute Programmierer müssen nicht nur die Syntax der Programmiersprache kennen. Sie benötigen Erfahrung im Lösen von Problemen und müssen in der Lage sein, auf neue Herausforderungen kreativ zu reagieren“.