Fällt auf dem Ärztetag das Telemedizinverbot in Deutschland? Im Interview spricht DrEd-Gründer David Meinertz über neue Perspektiven für Telemedizin-Start-ups.

Der Deutsche Ärztetag, der heute beginnt, dürfte auch in der Start-up-Szene aufmerksam verfolgt werden. Der Grund: Diskutiert werden soll in Erfurt unter anderem über den künftigen Umgang mit Telemedizinangeboten. Auf das Feld haben sich eine ganze Reihe von jungen Anbietern spezialisiert – stoßen in Deutschland aber aktuell schnell an Grenzen. Schuld ist die restriktive Berufsordnung der Mediziner, wonach eine individuelle ärztliche Behandlung aus der Ferne in den meisten Bundesländern nicht erlaubt ist.

Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer spricht der Unternehmer David Meinertz darüber, was eine Lockerung der Regeln bedeuten würde. Seine 2010 mit dem Briten Amit Khutti gegründete virtuelle Arztpraxis DrEd operiert aktuell von London aus – und umgeht so das Telemedizinverbot: Auch Patienten aus Deutschland können über das Portal Rezepte für verschreibungspflichte Medikamente anfordern. Versendet werden diese nach einer erfolgreichen Prüfung durch einen DrEd-Mediziner über eine Online-Apotheke. Das Start-up beschäftigt aktuell 110 Mitarbeiter.

***Update vom 10.05.2018: Wie erwartet hat sich der Ärztetag für eine Liberalisierung ausgesprochen. Man begrüße die Entscheidung, schreibt David Meinertz in einem Statement zur Entscheidung. „Die Erstattung telemedizinischer Leistungen ist der nächste logische Schritt, um Patienten den Zugang zu Online-Beratungen und Behandlungen zu erleichtern.“ ***

 

Herr Meinertz, der Ärztetag will sich mit Telemedizinangeboten beschäftigen. Welche Impulse erwarten Sie davon?
Meiner Einschätzung nach stehen die Chancen gut, dass tatsächlich eine Lockerung der Berufsordnung beschlossen wird. Auf Länderebene gibt es bereits ein Umdenken. Getrieben von der Ärzteschaft selbst wurden bereits Lockerungen in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Bayern beschlossen. Eine bundesweit einheitliche Regelung wäre sinnvoll.

Telemedizin-Gegner behaupten, dass Ärzte aus der Ferne kaum verlässliche Diagnosen erstellen können.
Die Pauschalkritik hilft nicht weiter. In manchen Situationen ist Telemedizin sinnvoll, in anderen nicht. Da gibt es natürlich große Ängste: Schätzungsweise ein Drittel aller Arztbesuche könnten durch Online-Sprechstunden ersetzt werden. Das kann man bedrohlich finden, aber die Frage ist doch, was die Alternative ist. Viele Ärzte sind heute hoffnungslos überlastet. Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, das Gesundheitssystem für neue technische Möglichkeiten zu öffnen.

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