Jörg Lamprecht ist Gründer von Dedrone. Das deutsch-amerikanische Start-up produziert Systeme zur Abwehr von zivilen Drohnen. Ein Gespräch über neue Terrorgefahren und das Silicon Valley.

In Deutschland sollen alleine an Weihnachten etwa 100.000 Drohnen verkauft worden sein, die kleinen Flugobjekte werden immer beliebter – weil sie günstiger werden und einfach zu steuern sind.

Doch je leichter der Umgang mit Drohnen ist, desto mehr wächst die Gefahr für einen Missbrauch. Vor ein paar Tagen berichtete der britische Telegraph, dass Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats (IS) kleine Drohnen als Granatwerfer einsetzen. Im Oktober gelang es dem IS im Irak erstmals, Drohnen mit Sprengstoff zu befüllen und damit feindliche Soldaten zu töten.

Drohnen als Gefahr für Leib und Leben, aber auch als mögliche Waffe zum Ausspionieren von Firmengeheimnissen und der Privatsphäre – um das zu verhindern, hat Jörg Lamprecht (auf dem Bild in der Mitte) im Jahr 2014 sein Unternehmen Dedrone gegründet.

Vor einem Jahr zog der 47-Jährige ins Silicon Valley, um schneller an Wagniskapital zu kommen. Mittlerweile hat er mehr als 14 Millionen Dollar eingesammelt, die jüngste Kapitalspritze kam im Dezember von fünf erfahrenen Unternehmern aus dem Valley. Obwohl das Produkt erst seit Sommer 2016 auf dem Markt ist, verkaufte Dedrone schon mehr als 500 seiner Drohnen-Detektions- und Abwehrsysteme.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Lamprecht, wer braucht eine Alarmanlage für Drohnen?
Einer unserer schillerndsten Kunden ist die königliche Familie des Emirates Katar. Während der Olympischen Spiele in Brasilien wohnte die Familie Al Thani in einem hochgesicherten Anwesen in Rio de Janeiro. Unser System hat den Luftraum überwacht, um die Al Thanis vor lästigen Papparazzi-Drohnen zu schützen.

Privatpersonen dürften aber eher selten zu Ihrer Zielgruppe gehören, schließlich kostet Ihr Abwehrsystem mehr als 7.000 Euro.
Unsere Kunden sind vielfältig, denn im Grunde muss sich heute jeder, der einen Zaun hat, auch vor Drohnen schützen. Unternehmen nutzen unsere Technik, um den Luftraum über ihren Rechenzentren zu überwachen. Im US-Wahlkampf sicherten die Polizeien in Las Vegas und Hempstead die Bereiche über den Universitäten, in denen die beiden Fernsehdebatten von Hillary Clinton und Donald Trump stattfanden. Die JVA Halle setzt unser System ein, um Drogen- und Waffenschmuggel zu verhindern. Und wir gehören zur Sicherheitsarchitektur des Baseball-Stadions der New York Mets.

Wie genau funktioniert Ihr Abwehrsystem?
Der Kern des Produkts ist eine intelligente, lernende Software, die Drohnen erkennen und automatisch von anderen fliegenden Objekten wie Vögeln oder Hubschraubern unterscheiden kann. Sobald die Sensoren eine Drohne sehen, Rotorengeräusche hören oder verdächtige Funkfrequenzen aufspüren, schlägt das System Alarm.

Warum sind Drohnen gefährlich?
Es ist sehr leicht, Drohnen mit Spionagegeräten auszustatten und sie Daten aus WLAN-Netzwerken von Firmen oder Behörden stehlen zu lassen. Oder sie als Waffe einzusetzen, um zu töten. Mittlerweile gibt es Autopilotfunktionen, da müssen Sie nur noch einen Ort eingeben und nicht einmal mehr selbst steuern. Und die Flugobjekte können bis zu 50 Kilogramm Last mit sich tragen. Aktuell arbeiten wir an einigen Aufträgen für die US-Armee, um deren Militärbasen zu schützen. Denn auch im Krieg werden Drohnen eingesetzt, etwa vom IS. Diese neuartigen Angriffe zeigen uns, wohin die Reise geht.

Glauben Sie, dass Terroristen mit Drohnen Anschläge auf Zivilisten verüben könnten?
Ja, mich würde wundern, wenn das nicht bald passiert.

„Wenn wir nicht handeln, ist es nur eine Frage der Zeit bis zum Drohnenangriff“, steht auf Ihrer Internetseite. Schüren Sie damit nicht unnötig Angst, um neue Kunden zu gewinnen?
Nein, wir sehen ja die Gefahr täglich. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens drei Drohnen in die Nähe unserer überwachten Stadien fliegen. Das Bundeskriminalamt hat schon vor der Fußball-Europameisterschaft gewarnt, dass Terroristen Drohnenangriffe planen könnten. Neulich haben wir deshalb unser System in der Commerzbank-Arena in Frankfurt vorgestellt.

Und?
Das Problem bei neuen Sicherheitsvorkehrungen ist immer: Was schützt man zuerst, wo sind die Prioritäten für das Budget? Bisher ist noch keine nennenswerte Zahlungsbereitschaft in Deutschland da. Mein Gefühl sagt mir, dass hierzulande erst investiert wird, wenn der erste größere Vorfall passiert ist. Aber in einigen Jahren werden wir erleben, dass Drohnenüberwachung auf Großveranstaltungen Standard wird.

Ihr System erkennt Drohnen, kann sie aber nicht eliminieren. Warum bauen Sie nicht gleich eine Abschussanlage mit ein?
Eine Alarmeinlage in einem Haus attackiert ja auch nicht gleich den Einbrecher. Unser Ziel ist es vor allem, rechtzeitig zu warnen, ein ausführliches Lagebild als Grundlage für effektive Schutzmaßnahmen zu liefern und Beweise zu sichern. Teilweise verschaffen wir uns auch Zugriff auf die Kamera der Drohne und können so das Videomaterial einsehen. Es wäre zwar möglich, Störfrequenzen automatisch auszusenden, um die Verbindung zwischen dem Piloten und der Drohne zu kappen und die Drohne zum Landen zu zwingen. Aber das ist im zivilen Luftraum gesetzlich nicht erlaubt.

Seit Dezember arbeiten Sie mit der Telekom zusammen, die Ihr Drohnenschutzschild in Deutschland vermarktet. Warum machen Sie das nicht selbst?
Die Telekom hat über ihre Security-Sparte Zugang zu viel größeren Kunden, an die kommen wir als Start-up so schnell nicht ran. Das können Botschaften sein oder Rechenzentren von großen Unternehmen. Derzeit stattet die Telekom selbst zwei ihrer Immobilien mit unseren Alarmsystemen aus.

Vor einem Jahr zog es Sie von Ihrem Entwicklungsstandort Kassel nach Kalifornien. Warum haben Sie so entschieden?
Wir dachten uns: Irgendwann wird es eine Firma im Silicon Valley geben, die genau das macht, was wir tun. Also wollten wir lieber selbst dort sein. Zu Beginn sind nur ein Kollege und ich rübergegangen. Die ersten paar Monate saßen wir hier im Starbucks-Café und haben von da aus den Vertrieb gemacht und Investoren angesprochen.

Welchen Unterschied gibt es im Vergleich zu Deutschland?
Hier herrscht eine völlig andere Dynamik: Es geht immer gleich ums Finanzieren. Denn die Stadt ist so teuer, dass man da ständig drüber nachdenken muss. Und das Silicon Valley ist voll von Investoren. Neulich habe ich einen deutschen Investor auf der Straße getroffen, wir haben über mein Geschäft geplaudert, er war sehr interessiert und ich sagte: Kommen Sie doch einfach bei uns vorbei!
Dann aber schickte er einen von seinen Leuten im weißen Hemd und schwarzen Anzug vorbei, der erstmal nach dem Businessplan fragte und sich im Februar zurückmelden wollte. Das wäre viel zu spät gewesen! Das ist eine Mentalität wie bei der Kreissparkasse, Amerikaner sind da viel schneller. Die machen die Absichtserklärung für eine Finanzierung übers Wochenende fertig.

Wann werden Sie Ihr Entwicklerteam ins Silicon Valley verlegen? Dort gibt es doch die besten Software-Ingenieure der Welt.
Mag sein, aber unsere Produktion und Entwicklung wird immer in Deutschland bleiben. Denn Software-Entwickler sind in Kalifornien teuer und sehr umworben, da besteht ständig die Gefahr, dass die Mitarbeiter zu schillernden Unternehmen wie Tesla oder Facebook wechseln. In Deutschland sind wir davor geschützt. German Engineering und Amerikanischer Sales und Marketing sind die perfekte Kombination für uns.

Wie wird der neue US-Präsident Donald Trump Ihr Geschäft beeinflussen?
Zunächst mal hoffe ich, dass ich als Ausländer nicht das Land verlassen muss. Aber mal im Ernst: Keine Ahnung, es ist total ungewiss. Aber es könnte natürlich gut sein, dass wir mehr Bestellungen bekommen, wenn Donald Trump Angst vor Angriffen schürt.

Was planen Sie für 2017?
Dieses Jahr wollen wir unseren Umsatz verdreifachen und neue strategische Partner dazu gewinnen. Außerdem planen wir richtig große Aufträge, zum Beispiel den Schutz von Raffinerien oder Atomkraftwerken. Und wir wollen das Produkt weiterentwickeln.

Schreiben Sie schwarze Zahlen?
Nein, aber das streben wir momentan auch nicht an. Bei unserem derzeitigen Wachstum wäre das auch nicht möglich. Denn dieses Jahr wollen wir unsere Mitarbeiterzahl von 60 auf 95 erhöhen.

Für das Jahr 2015 beziffert die US-Marktforschungsfirma Grand View Research den weltweiten Markt für Drohnenabwehr auf knapp 300 Millionen Dollar. Wie groß wollen Sie werden?
Meine Rechnung geht so: Weltweit gibt es acht Millionen Rechenzentren, ungefähr 200.000 davon sind systemkritisch – wenn die ausfallen, bricht ein Teil der digitalen Infrastruktur zusammen, zum Beispiel Zahlungsvorgänge. Das sind unsere potenziellen Kunden, mit einem möglichen Marktvolumen von 40 Milliarden Dollar. Wenn wir davon auch nur ein Viertel ausstatten, reden wir von einem Umsatz von zehn Milliarden Dollar für uns. Das halte ich für die nächsten zehn Jahre für realistisch.