Mein Kollege Michael Kroker hat in der WirtschaftsWoche beschrieben, warum in der Berliner Startup-Szene die „Party vorbei ist“. Der Artikel hat eine kontroverse Debatte ausgelöst – gut so. Allerdings…

… haben Kritiker wie Ciaran O’Leary und Matti Niebelschütz die Gelegenheit genutzt, der WirtschaftsWoche vorzuwerfen, sie versprühe „Gift für die breite Unternehmerkultur“ und sende die „unmissverständliche Nachricht“ aus, Gründen in Deutschland lohne sich nicht, weswegen sie ihrer „gesellschaftliche Verantwortung“ nicht gerecht würde.

Ich glaube, da sollten wir drüber reden. Im Einzelnen:

1. Das Scheitern. Ciaran O’Leary schreibt, dass „die deutsche Wirtschaftspresse nicht (versteht), dass das Scheitern normal, ok und auch wichtig ist.“ Da hat er leider unrecht – jedenfalls was die WirtschaftsWoche angeht.

Zunächst einmal hat Michael Kroker überhaupt nicht behauptet, dass Scheitern nicht normal und nicht wichtig ist. Im Gegenteil: Er zitiert Investor Klaus Hommels mit den Worten: „Je früher Startups ohne valides Geschäftsmodell verschwinden, umso besser – denn dann fließt in jene Unternehmen auch weniger Geld.“ Das entspricht ziemlich genau dem, was Ciaran O’Leary schreibt: „Fail Faster“. Wo ist der Widerspruch?

Außerdem haben wir immer wieder darüber geschrieben, wie wichtig Fehlschläge sind und thematisiert, dass die Angst vor dem Scheitern hierzulande immer noch so groß ist, dass sie Menschen mit guten Ideen vom Gründen abhält. Als Frank Thelen diese Woche das Ende von Doo bekanntgab, musste ich an dieses Interview beim European Pirate Summit 2012 denken, in dem er mir erklärt hat, warum Fehlschläge stark machen.

Was Ciaran O’Leary da behauptet ist also genau das, was er der WirtschaftsWoche vorwirft: boulevardesk und verkürzend. Ganz nebenbei haben auch andere Medien differenziert übers Scheitern berichtet, wie man zum Beispiel im Blog von MyParfum-Gründer Matti Niebelschütz nachlesen kann.

2. Weiter geht’s mit den Geschäftsmodellen. Ciaran O’Leary wirft „einem Großteil der Wirtschaftspresse“ vor, sie habe nicht erkannt, „dass Startups oft vor der Pleite stehen und erst durch zig Iterationen am Produkt und Geschäftsmodell zum Erfolg finden“. Achso. Aber darüber haben auch schon geschrieben (siehe: „Auf in die Schlacht“, WirtschaftsWoche vom 30.03.2013, aktuell nicht online verfügbar) – übrigens auch im Falle von Matti Niebelschütz und MyParfuem, der die WirtschaftsWoche jetzt der Verantwortungslosigkeit bezichtigt.

3. O’Leary kritisiert, dass die WirtschaftsWoche einseitig über den Mangel an Risikokapital berichtet. Das ist leider auch etwas verkürzt: Michael erwähnt durchaus die Investments bei Soundcloud und 6wunderkinder, schreibt aber: „Wie weit Berlin auf diesem Gebiet trotz aller Erfolge noch immer abgeschlagen ist, belegen Zahlen…“

Sein Standpunkt ist nicht weit von dem entfernt, was andere auch meinen: „Fehlende Wachstumsfinanzierung (…) kann im Zweifel sogar zum Scheitern einer Unternehmensgründung führen. Nach der gestiegenen Gründungsdynamik der letzten Jahre droht das deutsche Startup-Ecosystem erheblich ins Stocken zu geraten“, heißt es etwa beim Bundesverband Deutsche Startups, in dem auch viele Berliner Internet-Unternehmer vereinigt sind. Und: „Tatsächlich aber erhalten 88 Prozent der befragten Startups des Deutschen Startup Monitor (Wachstumskapital) von deutschen Gesellschaften, 45 Prozenten von Gesellschaften aus dem EU-Ausland und nur 24 Prozent von Gesellschaften aus dem Nicht-EU-Ausland. Der BVDS sieht diese Ergebnisse als Anreiz, den Anteil amerikanischer VC Investitionen in Deutschland weiter auszubauen.“

Dass namhafte Geldgeber aus dem Ausland immer noch skeptisch sind sagen sie gelegentlich übrigens selbst: „Amerikanische VCs werden daher nur ausnahmsweise in deutsche Startups investieren“, zitiert das Berliner Startup Waymate den US-amerikanischen VC-Investor Marc Andreessen. Und Sun-Microsystems-Gründer und Investor Andy von Bechtolsheim gab sich im vergangenen Jahr überzeugt: „Deutschland ist zu weit weg. Die meisten Geldgeber aus dem Valley fliegen nicht mal an die Ostküste der USA, weil sie es sich nicht leisten können, einen Tag zu verlieren. Die Amerikaner werden nicht mehr Geld in Europa investieren.“

4. O’Leary kommt zu dem Schluss: „Es ist einfach sub-ideal, wenn ein führendes deutsches Wirtschaftsblatt – das einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung von Unternehmern in Deutschland hat – aus meiner Sicht einseitig und wenig fundiert über deutsche Startups berichtet.“

Das stimmt. Nur: Die WirtschaftsWoche kann er damit aber eigentlich nicht meinen. Michael Kroker hat mit seinem Beitrag eine wichtige Debatte angestoßen und in der Tat einen wunden Punkt getroffen. Er hat vollkommen Recht wenn er schreibt, es sei zutiefst journalistsch, auch auf „Fehlentwicklungen oder sonstige Negativ-Aspekte innerhalb der Startup-Szene“ hinzuweisen. Und im Gegensatz zu den üblichen Verdächtigen schauen wir uns die Gründerszene auch, aber eben nicht nur aus dem Berliner Blickwinkel und der IT-Perspektive an (dazu empfehle ich die wöchentliche Kolumne „Startup der Woche“, die mein Kollege Oliver Voß ins Leben gerufen hat). Nebenbei haben wir in den vergangenen Jahren und seit dem Start des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs 2008 immer häufiger über Startups berichtet (ist zumindest mein Eindruck und Ergebnis einer schnellen quantitativen Auswertung – siehe Grafik).

Das mag jetzt alles wie Eigenlob für die Wiwo klingen. Aber es ist mir wichtig, die recht pauschale Kritik von Ciaran O’Leary nicht einfach so stehen zu lassen. Vielleicht sollte er die WirtschaftsWoche einfach mal häufiger lesen.

Startups in der WirtschaftsWoche | (rein quantitative Auswertung der Beiträge in der WirtschaftsWoche, die sich in irgendeiner Weise um Startups drehen)