Das Silicon Valley boomt: Doch hinter den Kulissen gibt es große Probleme: Ungleichheit, Gehaltsdifferenzen und ein schwindendes Rückgrat.

Von Julia Gurol

IT- und High-Tech-Metropole, Start-Up Paradies und Heimat vieler international bedeutender Unternehmen. Das ist das Bild, das die meisten Menschen vom Silicon Valley haben. Erst kürzlich hat die Recherche-Organisation Joint Venture Silicon Valley in einem neuen Report die boomende „Valley-Wirtschaft“ gelobt, den nun auch das US-Portal “Wired” thematisiert.

Tatsächlich gibt es viele Errungenschaften: Die Zunahme an neuen Arbeitsplätzen im Tal, die komfortable Atmosphäre für Unternehmen und die steigende Anzahl an Patent-Anfragen, die aus der Region kommen: selbstfahrende Autos, Internetbrillen und Drohnen. Die Region sei wirtschaftlich stark, hieß es in dem Report, und habe Zukunftspotential.

Doch das Tal ist eigentlich eine rückständige Region. Denn so sehr die Technologie-Branche im Westen Kaliforniens das 21. Jahrhundert prägt, so stark ist sie im 20. Jahrhundert gefangen. Vor allem für diejenigen, die sich für mehr Gleichheit zwischen Geschlechtern, Ethnien und sozialen Klassen einsetzen, ist der Report eher beunruhigend als ein Loblied – das haben mittlerweile auch die Forscher selber erkannt.

Wie die Karrierewege digitaler Talente aussehen

93 Prozent
… aller Führungskräfte sind männlich
66 Prozent
… haben bereits ein Digital-Startup aufgebaut
48 Prozent
 … haben keine längere Auslandserfahrung
30 Prozent
… haben schon mehrere Digitalunternehmen gegründet
20 Prozent
 … haben bei Managementberatungen gearbeitet
19 Prozent
… haben mehr als 15 Jahre Berufserfahrung

„Das Wachstum im Valley ist groß, aber ungleich verteilt“, meint Russell Hancock, Präsident und Gründer von Joint Venture Silicon Valley. Ein Blick auf die herausragenden Persönlichkeiten des Tals beweist diese These: Schwarze CEOs sind Mangelware, Frauen in Führungspositionen ebenfalls eher eine Seltenheit und der Altersschnitt der Valley-Bosse ist jung.

„Obwohl sich sowohl Hochlohn- aus auch Niedriglohnjobs stark vermehren, verlieren wir zunehmend die Mittelklasse. Es ist, als habe die Wirtschaft im Tal ihr Rückgrat verloren. Und das hat bedeutende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie das Valley arbeitet und funktioniert“, erklärt Hancock die Auswirkungen dieses Trends.

Allein 2014 wurden 58.000 neue Jobs im Silicon Valley geschaffen, gut vier Prozent mehr als das Jahr davor. Die weltweite Zunahme an Arbeitsplätzen, zum Vergleich, lag nur bei 1,8 Prozent. Und trotzdem: Während die Anzahl an Jobs in der Region steigt, vergrößert sich auch die Einkommensschere zwischen Niedriglohnjobs und Jobs mit hohen Einkommen – 2014 lag die Differenz sogar bei 92.000 US-Dollar.

Zum Vergleich: In anderen Regionen waren es nur gut 70.000 US-Dollar Unterschied. Gleichzeitig ging die Anzahl der klassischen „Mittelklasse-Jobs“, also Arbeitsplätzen mit mittlerem Einkommen, seit 2001 um 4,5 Prozent zurück.

Der Report hebt auch die Unterschiede zwischen Geschlechtern und ethnischer Herkunft hervor: Männer verdienen bis zu 61 Prozent mehr als ihre weiblichen Kollegen – sofern es sie denn gibt. Eine Gehaltsunterschied, der höher ist als im Rest San Franciscos, höher als in ganz Kalifornien, sogar höher als in den gesamten Vereinigten Staaten.