67 neue Brauereien sind seit 2012 in Deutschland entstanden – ein Verdrängungswettbewerb findet bisher kaum statt. Eine Spurensuche.

von Louisa Riepe

Wenn Fritz Wülfing über Bier spricht, benutzt er große Worte: Genuss, Vielfalt und Kultur – dieser Werte wurden seiner Meinung nach in der deutschen Brauereiszene lange vernachlässigt. Große Konzerne produzierten lieber hohe Mengen zu günstigen Preisen, sagt er. Wülfing will dagegenhalten: In seiner eigenen Brauerei „Ale-Mania“ produziert er rund 300 Hektoliter pro Jahr. Von New England Pale Ale, über eine Variation des Kölsch bis zur preußischen Gose mit Koriander und Salz hat er die ausgefallensten Sorten im Repertoire. Wülfing ist einer der ersten deutschen Craftbier-Brauer.

Wie so oft stammt der Trend aus den USA. Bereits seit den 1980er Jahren gibt es dort eine immer größere Anzahl von Craftbier-Produzenten. Was zeichnet sie aus? Es sind „Menschen mit Passion, die handwerklich Bier brauen und dabei unabhängig von Großkonzernen und mit transparenten Rezepturen arbeiten“, sagt Wülfing.

Er selbst begann 2010 mit dem Verkauf von handgemachtem Bier. Damals wie heute muss er viel erklären, um die Kunden von dem Produkt zu überzeugen. Denn die meisten sind an den Geschmack einer einzigen, industriell gefertigten Sorte gewöhnt. „Die großen Brauereien stellen nur Pilsener her, eine Vielfalt der Biere war hier lange überhaupt nicht erhältlich.“ Zwar gibt es in Deutschland Dutzende unabhängige, traditionelle Brauereien – gegen die experimentierfreudigen Craftbier-Produzenten wirken sie aber reichlich altbacken.

Newcomer drängen auf den Markt

Seitdem Pioniere wie Fritz Wülfing die ersten deutschen Craftbier-Brauereien eröffneten, hat sich viel getan: Immer mehr Braumeister und Bierenthusiasten springen auf den Trend auf. Laut dem Statistischen Bundesamt sind zwischen 2012 und 2016 landesweit 67 neue Brauereien eröffnet worden. Der Zuwachs betrifft insbesondere die Gruppe der kleinen Unternehmen mit bis zu 1000 Hektoliter Jahreserzeugung. Hier ist die Zahl um zehn Prozent gestiegen.

Eine dieser jungen Mikrobrauereien gehört dem Münsteraner Florian Böckermann. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner und Schwager hat er Anfang 2016 den alten Job an den Nagel gehängt und „Finne-Brauerei“ gegründet. Eine Braustätte mit angrenzendem Schankraum nach amerikanischem Vorbild war das Ziel. Inzwischen hat die Finne rund 900 Hektoliter Craftbier in Bioqualität umgesetzt. Vier verschiedene Sorten sind fest im Programm, dazu kommen kreative Experimente, die nur in kleinen Mengen gebraut und in der eigenen Bar in Münsters Innenstadt ausgeschenkt werden.