Der Gründer des Getränke-Startups Leetmate hat Krebs. Weil er nicht krankenversichert ist, hat er sein Schicksal öffentlich gemacht – die Hilfsbereitschaft ist enorm.

Von Alexandra Jegers

2016 sollte sein Jahr werden. Die Krise in der Firma war überstanden, die Verträge mit vielversprechenden Kooperationspartnern schon aufgesetzt. Claudius Holler, 38, war bereit durchzustarten. Bis am Dienstag nach Ostern ein Routinecheck beim Arzt alle Pläne über den Haufen warf. Die Diagnose: Hodenkrebs. Eine Operation, eine Computertomographie und womöglich auch eine Chemotherapie stehen an – doch Holler ist nicht krankenversichert. Im Gespräch mit WiWo Gründer berichtet er, wie es dazu kommen konnte – und warum sein Schicksal kein Einzelfall ist.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Holler, es gibt doch Versicherungspflicht in Deutschland – wie kann man da nicht versichert sein?
Wenn man angestellt ist, zieht der Arbeitgeber die Beiträge für die Sozialversicherung prozentual vom Lohn ab. Als Selbstständiger muss man sich selbst um den Versicherungsschutz kümmern – und da spielt das echte Einkommen in vielen Fällen nur eine untergeordnete Rolle. Weil ich Gründer und Geschäftsführer einer GmbH bin, ging man bei mir erst mal pauschal von einem Einkommen von 2100 Euro im Monat aus, völlig egal ob ich diesen Betrag nun wirklich eingenommen habe oder nicht. Das heißt für mich: 570 Euro monatliche Kosten für die Krankenversicherung – und das bei null Euro Verdienst. Mittlerweile weiß ich, dass es wohl noch Wege zur Kostensenkung gibt, aber leider sind all diese Informationen nicht gut findbar und gebündelt verfügbar. Damals wusste ich das alles nicht. Zu dieser Zeit war die Belastung für mich nicht zu stemmen.

Sie sind Gründer des Hamburger Startups Leetmate und vertreiben seit 2010 gemeinsam mit ihrem Bruder eine koffeinhaltige Limonade, die auch unter dem Namen „Hackerbrause“ bekannt ist. Was hat Ihr Startup mit der aktuellen Not zu tun?
Wie viele Gründer haben auch wir uns mit unserem Startup erst einmal aufs Wachstum konzentriert. Wir haben investiert und bewusst auf Rücklagen verzichtet, um ein stabiles Fundament zu erreichen. Das lief auch lange Zeit richtig gut. Dann aber ging im vergangenen Jahr unser wichtigster Zulieferer pleite. Man vertröstete uns und versprach, dass in zwei Monaten alles wieder beim Alten sei. Natürlich haben wir uns nach Ersatz umgeschaut, aber einen neuen Abfüller zu finden, ist nicht so einfach. Am Ende waren acht Monate um – und die Produktion stand immer noch still. Die einzige Möglichkeit, um mit unserer Firma nicht in die roten Zahlen zu rutschen, bestand darin, uns selbst zu entlassen. Wir bezogen also über mehrere Monate kein Gehalt und hielten uns mit unserem Ersparten und der Hilfe von Familie und Freunden über Wasser. Die Beiträge für die Krankenversicherung sind gleichzeitig unverändert hoch geblieben. Ich stand vor der Wahl: Die Firma und meine ganze Lebensperspektive aufgeben – oder die Beiträge ein paar Monate pausieren lassen.

Und dann haben Sie sich für letzteres entschieden.
Natürlich steht Gesundheit auch für mich über allem. Aber ich habe gepokert, ganz nach dem Motto: Es ist ja nur ein kurzer Zeitraum, und ich werde doch eh nie krank. Das kriege ich schon hin. Und bald läuft es wieder rund mit der Firma, dann zahle ich das Geld sofort wieder zurück.

Doch dann kam die Diagnose Krebs dazwischen. Was ist Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gegangen?
Beim Arzt habe ich noch versucht, cool und sachlich zu bleiben. Als ich später alleine im Büro saß, fing ich langsam an zu begreifen, was die Diagnose für mich eigentlich bedeutet. Nicht nur gesundheitlich. Plötzlich war da die Frage: Wie kriege ich die Behandlung hin, ohne mich finanziell zu ruinieren? Die Krankenkasse forderte geschätzte Nachzahlungen in Höhe von 9000 Euro und Säumniszuschläge. Dazu noch all die weiteren Kosten, die auf mich zukommen, womöglich sogar für OP, Chemotherapie, Verdienstausfälle. Und es ist immer noch nicht klar, ob die Kasse die Behandlungskosten trägt.

Welche Optionen haben Sie durchgespielt?
Ich hatte keine Optionen. Meine Ärztin hat den Termin für die OP festgelegt und gesagt: Wir behandeln Sie jetzt und das mit der Krankenkasse regeln Sie hinterher. Nur hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, woher ich das Geld nehmen soll, um das mit der Kasse zu regeln.

Einen Tag später haben Sie ein Video auf Youtube hochgeladen, in dem Sie ihre Geschichte erzählen und um Spenden bitten. Warum der Schritt in die Öffentlichkeit?
Das Video ist an dem Tag entstanden, an dem ich die Diagnose erhalten habe. Ich wollte mir das alles einfach nur von der Seele quatschen. Es gibt nur eine einzige Version des Clips und ich war mir bis zuletzt nicht sicher, ob ich ihn wirklich veröffentlichen werde. Es fühlt sich nicht gut an, mit der Krankheit hausieren zu gehen. Aber dann habe ich mir gedacht: Du stehst bereits mit dem Rücken zur Wand. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, also was soll’s.