Die deutschen Fintechs versprechen nach wie vor steile Karrieren. Welche Kandidaten derzeit gute Chancen haben, verrät Gründerin Christine Kiefer im Interview.

Als Gründerin und ehemalige Geschäftsführerin der Berliner Finanztechnologie-Start-ups BillPay und Pair Finance beobachtet Christine Kiefer die Personaltrends in der Finanzdienstleistungs-Branche. Seit ihrem Austritt beim digitalen Inkasso-Unternehmen Pair Finance Anfang des Jahres ist sie als Investorin und Beraterin tätig. Über die Firma GetTechTalent vermittelt sie IT-Kräfte und Entwickler an Fintechs sowie Mittelständler deutschlandweit.

Auf der noch bis Sonntag dauernden Fintech Week in Hamburg stellt die 36-Jährige ihr Karrierenetzwerk Fintech Ladies vor, das den Austausch zwischen Frauen in der Branche stärken soll. Und ein weiteres Projekt steht bereits in den Startlöchern: Kiefer plant ihre nächste Gründung. Um Details zu verraten, sei es zwar noch zu früh – aber im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt sie vorab, worauf sie bei der Personalauswahl achtet, welches Kandidatenprofil in der Fintech-Szene derzeit besonders gefragt ist und welcher Standort sich zum neuen Hotspot entwickeln könnte.

Wenn Sie demnächst selbst wieder auf Talentsuche gehen: Bei welchen Positionen sehen Sie besonders genau hin? 

Heiß umkämpft sind aktuell Produktmanager, weil sie nicht in einem klassischen Ausbildungspool zu finden sind. Ein guter Abschluss im Informatikstudium zum Beispiel ist nicht unbedingt ein Indikator dafür, dass jemand als Produktmanager gut ist. Für diesen Job sind vielmehr Quereinsteiger gefragt, die von ihrer Berufserfahrung profitieren und zusätzlich ein Gespür für Design und die Nutzerfreundlichkeit von App-Anwendungen mitbringen. Ebenfalls schwierig zu besetzen sind Entwickler-Stellen.

Welche Fintechs greifen aktuell die besten Entwickler ab?

Ganz weit vorne sind meiner Meinung nach Unternehmen, die an komplexen Problemen arbeiten und besondere intellektuelle Herausforderungen bieten. Aktuell sind das Firmen, die Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning nutzen oder mit großen Datenmengen zu tun haben. Jobs in diesen Bereichen sind unter Informatikern und Daten-Analysten sehr gefragt. Auch Robo-Advisor, also die automatisierte Kundenberatung, empfinden viele als spannende Herausforderung. Deshalb ist es noch zu früh, um hier Gewinner oder Verlierer auszumachen.

Sie selbst haben BWL und Informatik studiert. Verkörpern Sie damit genau das derzeit erfolgreichste Profil in der Fintech-Szene?

Ja, das würde ich so sagen. Dass ich mich früh mit IT, Banking und Finance beschäftigt habe, hat meine Karriere sicherlich angetrieben. Fintech-Gründer oder Geschäftsführer brauchen nicht nur BWL-Wissen. Zusätzlich sollten sie entweder den Bereich IT oder Recht abdecken. Sonst stelle ich mir das sehr schwierig vor.

Nächste Seite: Welche Fähigkeiten die Fintech-Karriere befördern.

Sind Programmierkenntnisse notwendig, um in der Fintech-Welt Karriere zu machen?

Das halte ich nicht für unbedingt notwendig. Viel wichtiger ist, dass Mitarbeiter die Interaktion mit dem Nutzer, also das Produktdesign verstehen. Dazu gehört auch ein sehr gutes Verständnis der IT-Architektur und der aktuellen Methoden in der Entwicklung. Das heißt, ein Informatikstudium muss nicht unbedingt sein, aber durchaus ein sehr gutes Technikverständnis. Wenn ich Abteilungsleiter bei Banken berate, sage ich häufig: „Es ist nie zu spät, sich das technische Wissen anzueignen.“ Im Internet gibt es eine Menge an Angeboten, um sich selbst und auch die Mitarbeiter fortzubilden. Dreimonatige Intensivkurse beispielsweise sind eine gute Grundlage – auch für Bankangestellte, die einen Wechsel in die Fintech-Szene versuchen wollen.

Sie haben diesen Wechsel zwischen zwei Welten selbst erlebt: Von der Investmentbank Goldman Sachs in London zum Berliner Start-up BillPay. Wie groß sind für Bankangestellte die Chancen auf einen Job bei einem jungen Finanzdienstleister?

Der Einstieg in die Fintech-Branche kann für Kandidaten aus einer klassischen Bankposition sehr gut gelingen, wenn sie die Bereitschaft haben, sich in Arbeitsmethoden wie Design Thinking oder agile Entwicklung einzuarbeiten. Wer sich auf neue Tools und Prozesse einlassen kann, steht vor einem erfolgsversprechenden nächsten Karriereschritt.

Steht dann auf jeden Fall ein Umzug nach Berlin an?

In Deutschland liegt Berlin als Fintech-Standort klar vorne. Allerdings holt Hamburg stark auf. In der Stadt sitzen einige sehr erfolgreiche Start-ups wie Kreditech und Figo – dahinter stehen Gründerpersönlichkeiten, die die Szene voranbringen. Es besteht außerdem ein aktiver Austausch zwischen Banken und Fintechs. Ich bin der Meinung, dass kein Start-up aus dem Finanztechnologie-Bereich ohne Bankenkooperationen bestehen – oder überhaupt wachsen – kann. Deswegen kann auch Frankfurt als Standort punkten, denn dort sind die ganzen potenziellen Kooperationspartner vertreten. Aber die Mainmetropole muss sich kräftig anstrengen, um künftig mit Berlin mithalten zu können.

Der Anteil der Start-up-Gründerinnen in Deutschland liegt laut mehrerer Studien derzeit bei knapp 15 Prozent. Insbesondere in der Fintech-Szene fassen Frauen nur langsam Fuß. Wie haben Sie es geschafft, sich durchzusetzen?

Es ist wirklich nicht immer einfach, sich in einer Männerdomäne behaupten zu müssen. Wenn man es mit vielen großen Egos zu tun hat, findet man sich am besten zurecht, wenn man selbst auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt und sich von Herausforderungen nicht abschrecken lässt. Was mir immer geholfen hat, war die Unterstützung von anderen Frauen. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich gegenseitig hilft und voneinander lernt. Die Finanzbranche ist einfach unglaublich interessant, weil rund um die Uhr auf der ganzen Welt Transaktionen stattfinden. Wer eine Affinität zu Zahlen und Finanzen hat, findet keinen spannenderen Job.