Über Schulden finanzieren sich hierzulande nur wenige Start-ups – aus gutem Grund. Wie die Silicon Valley Bank Risiken einschätzt und Kredite vergibt, erklärt Managing Director Christian Hoppe im Interview.

Viel zu riskant: Das sagen die meisten etablierten Banken, wenn junge Unternehmen nach Krediten fragen, weil die Umsätze noch gering und Sicherheiten oft kaum vorhanden sind. Anders präsentiert sich die Silicon Valley Bank (SVB) mit Sitz im kalifornischen Santa Clara, die in ihrer 35-jährigen Geschichte nach eigenen Angaben 30.000 Start-ups weltweit mit Kapital versorgt hat.

Venture Debt lautet das Stichwort zu der Finanzierungsmöglichkeit: Dabei erhalten Unternehmen ein festverzinsliches Darlehen, unter anderem als Kapitalspritze für Investitionen oder Expansionen. Aber auch Übernahmen lassen sich so finanzieren oder die Zeit bis zur nächsten Eigenkapitalrunde überbrücken. Bei der SVB zahlen Firmen zwischen acht und zehn Prozent Zinsen. Im Schnitt läuft der Kredit über drei Jahre, dann müssen Zinsen und das Darlehen zurückbezahlt sein. Kreditinstitute werben damit, dass Gründer so keine Firmenanteile abgegeben müssen.

Vertreten ist das Institut außerhalb der USA bereits in Großbritannien, Israel, China und Hongkong. Seit zwei Wochen darf die SVB nun auch in Deutschland Kredite anbieten. Doch welche Start-ups haben überhaupt eine Chance auf eine sogenannte Venture-Debt-Finanzierung? Nach welchen Kriterien vergibt die SVB Kredite? Und worauf lassen sich Gründer da eigentlich ein? Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt Christian Hoppe (auf dem Bild links) als Verantwortlicher für die Geschäftsentwicklung die Hintergründe – und spricht auch über mögliche Risiken für Start-ups.

Herr Hoppe, Start-ups gelten für die meisten Banken nicht als kreditwürdig. Auch Sie müssen versuchen, Ausfälle zu verhindern und Start-ups genau unter die Lupe zu nehmen. Welche harten Kriterien wenden Sie bei der Kreditvergabe an?
Die meisten Start-ups haben – je nachdem, wie jung sie sind – noch nicht wirklich Vermögensgegenstände vorzuweisen. Viele unserer Kunden sind Cashflow-negativ, machen also Verluste und zum Teil noch nicht einmal Umsatz. Wenn wir also eine Bonitätsaussage treffen wollen, gibt es nicht viele Faktoren, die wir dafür als Basis nehmen können. Die Eintrittshürde ist bei uns eine abgeschlossene Series-A-Runde mit einem Mindestvolumen von einer Million Euro. Wie alt die Firma zu dem Zeitpunkt ist, spielt keine Rolle.

Aber Sie verlangen doch bestimmt Sicherheiten?
Auf Kreditsicherheiten verzichten wir mehr oder weniger – zumindest bei den jungen Firmen. Denn Unternehmen in der Phase haben oft nur Rechte aus geistigem Eigentum und dann noch ein paar Laptops. Wenn eine Firma die Series-A-Runde abgeschlossen hat, ist das zwar keine Kreditsicherheit. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Investoren auch eine weitere Finanzierung mitmachen – also mithelfen, damit eine Firma überlebt. Mit Venture Debt finanzieren wir dann 10 bis 30 Prozent der letzten Equityrunde. Außerdem gibt es Leistungskennzahlen, anhand derer wir uns ein Risikobild machen können. Dazu gehören die Kosten für Kundengewinnung, der Wert eines Kunden für das Unternehmen über die gesamte Zeit seiner Kundschaft und die Abwanderungsrate der bestehenden Kunden.

Das reicht Ihnen, um das Kreditrisiko eines Start-ups einzuschätzen?
Wir schauen auch auf die Gesellschafterstruktur der Firma: Wer ist bereits investiert – Venture-Capital-Gesellschaften oder Business Angels, Freunde oder Familie? Und steht dahinter nur eine Adresse oder sind es mehrere Investoren? Es wäre gut, wenn das Gründungsteam noch mehr als 10 bis 20 Prozent der Firmenanteile hält, also noch richtig für den Laden brennt. Dann spielt auch das Team eine Rolle: Für uns ist von Vorteil, wenn wir es nicht mit einem Einzelgründer, sondern einem Team an der Spitze zu tun haben – optimalerweise aus Seriengründern, gerne auch mit negativen Erfahrungen. Außerdem schauen wir uns das Geschäftsmodell an: Hält es mögliche Kopierer ab? Aber hat dabei großes Potenzial? Gut wäre auch eine starke Kundenbindung und gewisse Planbarkeit bei den Umsätzen – das ist beispielsweise häufig bei Softwareprodukten gegeben, die mit einer Art Abo-Modell funktionieren.

Nächste Seite: Wie die Entscheidung fällt