Mehr als eine Milliarde Euro will die Chemiebranche bis 2022 in die Digitalisierung investieren. Start-ups sollen Inspiration für Kultur und Produkte liefern.

Die Tradition ist groß: Bereits zum 20. Mal wurde in dieser Woche der Science4Life Venture Cup ausgeschrieben: Ein Netzwerk aus Pharma- und Chemieunternehmen forscht hier regelmäßig nach spannenden Business-Plänen – im vergangenen Jahr schafften es drei Start-ups mit medizinischen Ideen auf die ersten Plätze. Ob in Wettbewerben oder Inkubatorprogrammen: Die Suche nach innovativen Ideen aus dem Feld der Medizin und der Chemie dürfte sich in den kommenden Jahren noch einmal deutlich intensivieren.

Mehr als eine Milliarde Euro will die chemische und pharmazeutische Industrie in Deutschland in den nächsten drei bis fünf Jahren nämlich in die Digitalisierung investieren, teilte der Branchenverband VCI in dieser Woche mit. Kooperationen mit oder Investitionen in junge technologiegetriebene Unternehmen dürften dabei eine wichtige Rolle einnehmen. „In diesem Zusammenhang sollte auch ein stärkeres Augenmerk auf die Förderung von Start-ups der Chemie, Pharmazie und Biotechnologie beziehungsweise Life Sciences gerichtet werden, etwa durch eigenes Corporate Venture Capital“, heißt es in einer umfangreichen Studie, die der Verband veröffentlichte. Explizit genannt werden dabei die Chancen der additiven Fertigung und der Biotechnologie, die in Start-ups entstehen können und in schnell wachsende Geschäftsmodelle münden können.

Lernen von und mit Start-ups

Damit könnten sich zwei Welten stärker annähern: Große Konzerne wie Bayer oder Merck, wo jüngst die neue Förderrunde des Accelerators startete, sind zwar mit ihren Innovationseinheiten schon länger auf der Suche nach Start-ups aus Chemie oder Pharmazie.

Lange und teure Entwicklungszyklen erhöhen aber die Eintrittsbarrieren im Vergleich zu anderen Branchen deutlich. „Existenzgründer müssen vor allem im Chemie- und Pharma-Bereich sehr hohe Anforderungen erfüllen, um Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Science4Life Venture Cup.

Die Branche spürt jedoch den Druck, das Innovationstempo zu erhöhen. Und auch hier sollen Start-ups als Blaupause für mehr Agilität in den internen Prozessen weiterhelfen: „Darüber hinaus sollten sich Unternehmenskulturen wandeln, um zum Beispiel Start-up-Nischen in etablierten Organisationsstrukturen zu schaffen, Kooperation mit externen Partnern zu erweitern, gegebenenfalls Plattformen aufzubauen und adäquate Entscheidungs- und Steuerungssysteme zu etablieren“, schreiben die Autoren der VCI-Studie.