Warum eine Zeitung abonnieren, wenn man alle haben kann? Digitalkioske wie Blendle, Pocketstory und Newscase wollen den Medienmarkt mit digitalen Einzelartikeln revolutionieren.

Wenn man nur die Zeit zurückdrehen könnte: Seit Jahren ärgern sich Medienmacher, dass sie zu lange den Fehler begangen haben, ihre Internet-Inhalte kostenlos zu veröffentlichen. Doch nun keimt Hoffnung am Horizont: Zum einen führen immer mehr Medien eine Paywall ein. Sie geben Premium-Texte nur gegen Bezahlung frei (Freemium-Modell) oder bitten die Leser nach kostenlosen Appetithappen zum Bezahlen (Metered-Modell); einige haben auch eine „harte Bezahlschranke“ etabliert und stellen nichts mehr kostenlos online. Das kollektive Dilemma, dass die ersten Medien mit Paywall Gefahr laufen, Kunden zu verlieren, scheint sich langsam zu lösen.

Zum anderen eilen den Verlagen Start-ups als Vertriebspartner zur Seite. Die Content-Vermarkter und sogenannten Digitalkioske machen auf ihren Portalen gedruckte Zeitungen und Magazine digital verfügbar. Die Leser können dadurch nicht nur Printprodukte online lesen; sie können auch verschiedene Zeitungen und Magazine konsumieren, ohne sich bei mehreren Medienportalen registrieren zu müssen.

Der besondere Clou: Der Leser muss keine ganze Zeitung oder Zeitschrift kaufen, sondern kann einzelne Artikel erwerben, beispielsweise eine Nachricht aus dem Wirtschaftsteil der FAZ und einen Sportbericht aus der Bild. Die Digitalkioske zerpflücken also die Zeitungen, beziehungsweise entbündeln sie. Ähnlich wie es iTunes mit Musik-Alben gemacht hat.

Lange Zeit scheuten sich Medien, das Gesamtkunstwerk Zeitung/Zeitschrift zu zerlegen, ebenso wie ihre Inhalte indirekt über andere zu vertreiben. Es überwog die Angst, den Kunden- und Leserkontakt zu verlieren und vom Medienmacher zum abhängigen Content-Lieferanten zu werden. Doch inzwischen wächst bei allen Digitalkiosken die Anzahl der verfügbaren Medien.

Blendle: Prototyp aus den Niederlanden

Der Platzhirsch der Branche ist Blendle. Das Start-up wurde 2013 in den Niederlanden vom Journalisten Marten Blankesteijn gegründet. Seit September ist Blendle auch in Deutschland verfügbar. 90 Medien mit großen und kleinen Namen sind im Angebot; 130 sollen es demnächst sein: überregionale Zeitungen wie Spiegel, Zeit, Süddeutsche, NZZ und Handelsblatt; regionale wie Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt; Magazine wie Cicero, Focus, Gala, 11Freunde, Auto Bild, Brigitte und Chip; zudem einige internationale Titel wie die New York Times, The Washington Post, Economist, Wall Street Journal.

Preislich geht es bei 15 Cent los; für eine Spiegel-Titelstory werden 1,99 Euro fällig. Bei Nichtgefallen gibt es das Geld zurück. Als weiteren Mehrwert können die Nutzer Artikel kommentieren und anderen Lesern folgen und deren Leseempfehlungen aufrufen. Der Umweg über Facebook oder andere soziale Medien ist nicht mehr nötig.