Die Natur ist oftmals ein ideales Vorbild. An Ideen für Produkte mit naturentlehnten Prinzipien mangelt es nicht. Jedenfalls in der Wissenschaft.

„Tödlicher Unfall bei VW – Roboter tötet Arbeiter“ titelten vor ziemlich genau einem Jahr die Zeitungen. Ein 22-jähriger Arbeiter war von einem Werksroboter gegen eine Metallplatte gedrückt worden und an den Verletzungen gestorben. Derart schwere Unfälle künftig zu verhindern, ist die Motivation von Jan Röhlinger, Gründer von Bionic Robotics. Das Kernprodukt der 2010 gegründeten Firma ist der Roboterarm BioRob. Sein Aufbau wurde von der Natur inspiriert:

„Von einem menschlichen Arm getroffen zu werden verletzt vergleichsweise wenig“, sagt Röhlinger (33). Denn der Muskeln sei nicht im Gelenk gelagert, sondern durch Sehnen mit ihm verbunden. Bei klassischen Industrierobotern hingegen lagere der „Muskel“, sprich der Motor, oft weit vorne, quasi im Gelenk. Erst durch diese ungünstige Massenverteilung einfalte der Arm eine gefährlich starke Kraft. Beim BioRob liegt der Motor aber sozusagen in der Schulter. „Daher gibt es schlimmstenfalls einen blauen Fleck“, sagt Röhlinger.

Der Leichtbau-Roboter aus Darmstadt ist inzwischen in Industrie- und Forschungsanlagen rund um die Welt im Einsatz: Brasilien, USA, Portugal, Schweiz, Österreich, Deutschland. Auch aus Dänemark und Fernost kämen Anfragen. Der Umsatz liegt nach Unternehmensangaben im siebenstelligen Bereich.

Natur-Evolution als perfektes Entwicklerteam

Mit der Idee, Funktionsweisen aus der Natur auf Produkte zu übertragen, ist Bionic Robotics nicht alleine. Schon Leonardo da Vinci und Otto Lilienthal galten Vögel als Vorbilder für Flugzeuge. Unter den Stichworten „Bionik (Biologie und Technik), Biomimicry oder Biomimetik (Biologie und Mimesis = Nachahmung) oder auch dem weitgefächerten „bio-inspired“ finden sich inzwischen verschiedenste Anwendungsideen mit Naturvorbild. Das bekannteste Beispiel ist die Lotusblüte, deren Eigenschaft, Wasser und Schmutzpartikel abperlen zu lassen, für selbstreinigende Oberflächen genutzt wird.

Doch es gibt noch weit mehr Beispiele: Solarpanels, deren Speichermodule Blättern nachempfunden sind. Windturbinen und Hubschrauber gebaut nach Form der Buckelwalflosse. Gebäude mit Klimasystemen ähnlich denen von Termitenhügeln. Kleber, der nach Vorbild von Miesmuscheln-Sekreten entwickelt wurde. Glasfassaden, die wie Spinnennetze UV-Strahlen reflektieren, damit Vögel sie wahrnehmen statt dagegen zu fliegen. Schiffe, die wie Delphine kommunizieren. Schwimmanzüge, die Haihaut ähneln. Roboter, die sich wie fleischfressende Pflanzen selbst von Insekten ernähren sollen. Materialien und gar ganze Brücken, die sich wie menschliche Hautwunden selbst heilen.

In Robotik und Sensorik, Design und Architektur, Leichtbau und Materialwissenschaft – überall finden sich Ideen für aus der Natur entlehnte Funktionsweisen. „Über die Natur zu lernen ist eine Sache, von ihr zu lernen – das ist der entscheidende Ansatz”, meint die Wissenschaftlerin Janine Benyus, die durch ihr 1997 erschienenes Buch “Biomimicry – Innovation inspired by Nature” zum Vorreiter der modernen Bewegung wurde. Was die Natur über Milliarden von Jahren perfektioniert hat, kann kein menschliches Entwicklerteam schaffen, so die Annahme.