Sie brachten Farbe in die Löwenhöhle – und überzeugten mit ihrer Idee Gastjuror Georg Kofler. Wie es für die Gründer von ArtNight weiterging.

Schwingt den Pinsel, hieß es gestern in der Höhle der Löwen beim Auftritt von Aimie-Sarah Henze (28) und David Neisinger (29). Die Berliner wollen mit ihrem 2016 gegründeten Start-up ArtNight Menschen in großen und kleinen Städten kreativ vernetzen und organisieren dazu Mal-Workshops in Bars und Restaurants, bei denen die Teilnehmer unter Anleitung lokaler Künstler ein eigenes Bild erschaffen können.

Um zu expandieren und das Unternehmen bekannter zu machen, warben die studierten BWLer – sie arbeitete bei Axel Springer und Bertelsmann, er baute unter anderem zwei E-Commerce-Start-ups in Indien auf – bei den Löwen um ein Investment von 150.000 Euro. Im Gegenzug boten sie eine Beteiligung von zehn Prozent an „ArtNight“.

Frau Henze, Gratulation, Sie konnten Gastjuror Georg Kofler von Ihrer Idee überzeugen. War er Ihr bevorzugter Investor?
Wir haben erst am Morgen unseres Auftritts erfahren, dass Judith Williams erkrankt ist und sie durch Herrn Kofler vertreten wird. Rasch stand fest, dass er sehr gut zu uns passen würde, weil er ein Experte in der Medien- und Unterhaltungsbranche sowie im Social Media Marketing ist. Neben Frank Thelen war er tatsächlich unser Favorit.

Frank Thelen hat Ihnen auch ein Angebot gemacht, allerdings wollte er statt der von ihnen angebotenen 15 Prozent gleich 30 Prozent – für die gleiche Summe.
Ja, darum haben wir uns kurzzeitig zurückgezogen, um uns zu beraten. Allerdings dauerte das ganze weniger als eine Minute. Das hatte aber weniger mit Frank Thelens Forderung zu tun als mit Georg Koflers Enthusiasmus. Er hat, so unser Eindruck, unser Konzept sofort verstanden und war davon ehrlich begeistert. Und nicht zuletzt bringt er mit der Glow-Media Group die nötige Expertise im Social Media-Bereich mit und genau das ist unser stärkster Marketingkanal, um ArtNight bekannt und groß zu machen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Entscheidung?
Absolut. Wir stehen im täglichen Austausch mit Georg Koflers Team und sprechen auch mit ihm selbst regelmäßig. Er ist bis heute unser größter Investor – kurz nach dem Pitch vor den Löwen sind allerdings noch weitere bekannte Geldgeber aus der Tech-Branche hinzugekommen. Um wen es sich genau handelt, dürfen wir leider heute noch nicht verraten.

Wie ging es seit der Aufzeichnung im März für ArtNight weiter?
Wir sind deutschlandweit expandiert und bieten unsere Veranstaltungen zurzeit in 25 deutschen Städten an, zum Beispiel in Koblenz, Bielefeld, Köln und Freiburg. Außerdem haben wir den Sprung nach Österreich gewagt und sind in Wien an den Start gegangen. Weitere österreichische Städte werden in den kommenden Monaten dazukommen und auch in der Schweiz wird es ArtNight bald geben. An mehr als 2.000 ArtNights haben 20.000 Teilnehmer teilgenommen. Das zeigt, dass wir mit unserer Idee einen Nerv getroffen haben.

Was macht den Erfolg aus? 
Ich denke, es ist die Tatsache, dass es uns gelingt mit unseren Veranstaltungen Menschen zusammenzubringen und ihnen etwas anderes bieten als das Sitzen vor dem Bildschirm. Eine Studie hat ergeben, dass sich rund 60 Prozent aller Menschen in Deutschland einsam fühlen. Kein Wunder: Es ist ein natürliches menschliches Bedürfnis mit anderen zu interagieren und das können sie bei unseren Veranstaltungen. Die Malerei ist dafür ein toller Türöffner und wer weiß: Vielleicht treffen sich die Leute hinterher sogar noch einmal privat. In jedem Fall haben wir eines erreicht: Das Smartphone bleibt zwei Stunden lang in der Tasche.

Gibt es den typischen Teilnehmer an Ihren Veranstaltungen?
Den gibt es oder besser: Die typische Teilnehmerin, denn 80 Prozent der Seminare buchen Frauen zwischen 25 und 45 Jahre. Darüber hinaus ist es eine bunte Mischung. Da trifft der 55-Jährige Familienvater auf die 77-jährige Rentnerin. Lustigerweise sind auch immer sehr viele Kunstlehrerinnen in unseren Malkursen anzutreffen. Sie bringen die Idee und die Techniken dann mit in die Schule. So wird ArtNight sogar noch Teil des Lehrplans. Alle Teilnehmer vereint allerdings die Begeisterung für bestimmte Themen. Die Kassenschlager sind Kurse zu Frida Kahlo oder malen à la Van Gogh. Diese Workshops sind manchmal drei Monate im Voraus ausverkauft.

Wie wählen Sie die Künstler aus?
Anfangs haben wir ganz klassisch Stellenanzeigen geschaltet, mittlerweile melden sich viele Interessierte bei uns. Dass der Großteil der Künstler nicht von ihrer Kunst leben kann, ist kein Geheimnis. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, nicht in Bars oder Cafés nebenher jobben zu müssen, sondern mit ihrem Talent Geld zu verdienen.

Ihr Mitgründer David hat die Idee zu ArtNight aus den USA mitgebracht, haben Sie keine Angst als Copy-Cat zu gelten?
Diesen Vorwurf hören wir immer mal wieder, aber wir haben die Idee nicht einfach so übernommen, sondern komplett an die europäischen Bedingungen angepasst. Es ist ein Fehler zu glauben, dass man ein amerikanisches Konzept eins zu eins auf den europäischen Markt übertragen kann. Die Menschen in Europa ticken anders als die Amerikaner: Hierzulande wollen die Teilnehmer einen professionellen Künstler, der auch entertainen kann, in Amerika dagegen braucht es einen Entertainer, der ganz gut malen kann. Auf solche vermeintlichen Kleinigkeiten muss man sehr genau achten.

Ist das der Grund, dass die Macher von Paint Nite bisher nicht nach Europa expandiert sind?
Ich glaube, es liegt vor allem an der Tatsache, dass sie mit den Nord-und Südamerika und Kanada bereits einen sehr großen Markt abdecken und damit voll ausgelastet sind. Es gab einmal einen Versuch des amerikanischen Pendants, in London zu starten, aber der wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Wir stehen jedenfalls im Kontakt zu den Gründer und halten sie auf dem Laufenden, wie es für uns weitergeht.

Wo sehen Sie ArtNight in ein paar Jahren?
Die Malkurse sind nur der Anfang. Wir wollen unser Konzept in Zukunft auch auf andere künstlerische Bereiche wie Handarbeiten, Musik oder Literatur ausweiten.