Mike Camerling, Produktchef von Aevi, entwickelt für Geschäftskunden eine mobile Bezahlplattform, die alles kann— außer Cash.

Die meisten Start-ups aus der Finanzbranche betrachten Banken als Feindbild. Das Paderborner Unternehmen Aevi macht es genau umgekehrt: „Wir unterstützen Kreditinstitute dabei, bessere Beziehungen zu ihren Geschäftskunden aufzubauen und bieten ihnen so einen Wettbewerbsvorteil“, sagt Produktchef Mike Camerling.

Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der Technologie-Unternehmen wie Apple, Google oder Alibaba mit ihren digitalen Bezahlverfahren die Rolle der Bank übernehmen wollen?

Die Antwort ist ein Geschäftsmodell, das schon vielen kleinen Firmen geholfen hat, ziemlich groß zu werden: AEVI verkauft Banken ein Ökosystem für das bargeldlose Zahlen.

Dafür hat AEVI ein Tablet entwickelt, das wie ein mobiles Kassenhäuschen funktioniert. Es liest Kreditkarten, druckt Kassenbons, kommuniziert mit Smartphones und kontrolliert auf einem Touchscreen eingetippte Geheimzahlen. Marktstart war im vergangenen Jahr in Australien, dort hat AEVI mehr als 50.000 Tablets an eine der größten Banken verkauft.

Erst das Tablet, dann der App Store

Geld verdient das Start-up jedoch vor allem über einen Marktplatz für Apps, welche die Kunden der Bank – Einzelhändler, Hotels, Gastronomien – über das Terminal buchen können. Besonders beliebt sind Anwendungen für Kundenbewertungen und Bonusprogramme. Die Monatsmiete kostet bis zu 100 Euro, AEVI verdient bis zu 30 Prozent mit.

Die Geschäftsidee wurde vor fünf Jahren von Mitarbeitern des Weltmarktführers für Geldautomaten, Wincor Nixdorf (heute Diebold Nixdorf), entwickelt – sozusagen eine kreative Zerstörung im eigenen Haus.

Weil der Start gut lief, gliederte sich die einstige Innovations-Abteilung im Oktober 2015 in ein neues Unternehmen aus, AEVI war geboren. Der Umsatz liegt schon jetzt bei mehr als 50 Millionen Euro, das Geschäft läuft profitabel.

Dieses Jahr stiegen zwei internationale Investoren mit insgesamt 30 Millionen Euro ein. Mit dem Geld will Mike Camerling im kommenden Jahr ein Büro in den USA eröffnen, bisher gibt es Niederlassungen in Prag und London.

Entscheidend für den Erfolg des Unternehmens ist, dass auf dem Tablet genügend gute Apps verfügbar sind. Die entwickelt AEVI nicht selbst. Stattdessen sucht ein Scouting-Team weltweit nach guten Entwicklern und organisiert Hacker-Wettbewerbe. „Wir denken da wie Apple: Es gibt klügere Leute als uns, um die Apps zu entwickeln“, sagt Mike Camerling.

Ob die Einzelhändler am Ende wirklich eine große Zahlungsbereitschaft für die Anwendungen haben, müsse sich aber erst noch zeigen, sagt ein Insider, der mal als CEO bei AEVI im Gespräch war. Konkurrenz droht zudem von Start-ups wie iZettle oder Orderbird, die Mobilfunkgeräte zu Kassensystemen umrüsten und dadurch günstiger sind.

Eine große Chance aber hat AEVI: Es könnte dem digitalen Zahldienstleister PayPal mit dem Tablet dabei helfen, an die Kassen des stationären Einzelhandels zu gelangen.

Bisher ist das kaum möglich. Wenn das gelingt, hätte das Fintech am Ende dann doch einen Konkurrenten der Banken unterstützt.

Steckbrief

AEVI
Gründer u. a. Reinhard Rabenstein, Technikvorstand bei Diebold Nixdorf, und Mike Camerling
Gründung 2015
Mitarbeiter 260
Finanzierung 20 Millionen Euro von HPE (Amsterdam), 10 Millionen Euro von Adveq (Zürich)